Körperhaare: Haarige Zeiten – nicht nur für Heilpraktiker

Haarige Zeiten – nicht nur für Heilpraktiker: Wild und lang wuchernde Körperhaare waren mal schön und selbstverständlich. Nicht nur das auf dem Kopf. Es gab Zeiten, da war die wallendende Mähne Merkmal für Weiblichkeit und ein Ideal der Schönheit. Der (männliche) Bart galt als Zeichen für Männlichkeit und Stärke und das aus dem Hemdkragen wuchernde Brusthaar als sexy. Und manchmal gilt das wohl auch heute noch so. Es ist noch gar nicht so lange her, da war Haarentfernung eine schmerzhafte und gesundheitsgefährdende Maßnahme. Bedenkt man der Rasierwerkzeuge früherer Zeit, so lässt sich das gut nachvollziehen.

Aber warum empfinden wir heute Achselhaare & Co. insbesondere bei Frauen abstoßend, ja sogar eklig? Und warum rasieren sich die meisten Frauen selbst im Winter die Stoppeln an den Beinen weg, obwohl doch dort alles verhüllt ist? Von anderen zumeist ebenfalls verhüllten Stellen mal ganz zu schweigen. Auch der Damenbart war nie ein ausgesprochenes Schönheitszeichen. Während die Männer wiederum Wettbewerbe veranstalten nach dem Motto „Welcher ist länger?“ Ein*e Schelm*in, wer Zweideutiges dabei denkt.

Geschichte der Körperhaare

Steinzeit

Ein Blick in die Geschichte zeigt, dass die Haarentfernung gar nicht so neu ist. Bereits die Steinzeitmenschen kannten primitive Mittel der Haarentfernung wie scharfkantige Steine und Muscheln. Man vermutet, dass es weniger ästhetische Absichten waren, die zum Abschaben diverser Gesichtsbehaarung trieb, sondern eher pragmatische Gründe: Läuse, Milben und anderes Ungeziefer liebten den wilden Bart, also weg damit. Auch konnte sich in einer wallenden Mähne der Gegner beim Kampf zu gut vergreifen. Auch deshalb wurde gekürzt und geschabt.

Antike

Zum Schönheitsideal wurde der haarlose Körper bei den Pharaonen. In adeligen Kreisen galt es als Zeichen von Zivilisiertheit, wenn – bis auf die Augenbrauen – der Körper komplett enthaart war. Grabmalereien aus dieser Zeit zeigen Frauen, die zwar viel Schmuck trugen, aber sonst nichts. Auch keinen „Busch“. Frühere Hochkulturen in Mesopotamien und Ägypten stilisierten die Schambehaarung sogar zur Kunstform. Und im antiken Rom war die Intimhaarentfernung Teil der Bade- und Körperkultur, der sich als Trend in alle römisch eroberten Gebiete ausweitete. Wie wir wissen, waren das nicht wenige … und der eine oder andere zottelige Angelsachse im selbst so fernen Britannien übernahm die neuen Gebräuche.

Mittelalter

Danach wurde es allerdings wieder haarig. Bis zum frühen Mittelalter musste die Badekultur und damit die Körperrasur pausieren. Die Kirche verbot jegliches Handanlegen am eigenen Körper und Rasieren gehörte zwangsläufig dazu. Zwar sollten die Frauen das Kopfhaar als Zeichen der Weiblichkeit in voller Pracht wachsen lassen, zugleich mussten sie es vor begehrlichen (männlichen) Blicken verstecken und verhüllen.

Den Höhepunkt fand diese Stigmatisierung im 15. und 16. Jahrhundert: Frauen, die als Hexen verdächtigt wurden, rasierte man am kompletten Körper, um – wie man glaubte – ihnen die Zauberkraft zu entziehen.

Neuzeit

Je nach Zeitalter, politischen und kulturellen Ansichten wandelte sich die Sicht auf die Körperhaare. Als Charles Darwin 1858 mit der Evolutionstheorie die Welt auf den Kopf stellte, wollte keiner ein haariger Affe sein und Haarlosigkeit wurde zum Zeichen von Schönheit, Sauberkeit und einer höheren Entwicklung – was auch immer man unter letzterem verstand. Im Nationalsozialismus wiederum hatte die „deutsche Frau“ volle Pracht zu tragen. Oben und unten.

Interessanterweise beziehen sich fast alle Assoziationen und Projektionen auf die Körperbehaarung bei Frauen. Ausgenommen vielleicht die männliche Glatze. Hier wird die fehlende Kopfbehaarung zum „sexy Glatzkopf“ stilisiert und dem Träger ein besonders hohes Maß an Potenz zugesprochen. (Vielleicht eine Marketingstrategie, weil keins der zahllosen Mittel und Mittelchen eine üppige Fülle verschaffte?)

Und heute?

Inwieweit bei der Dämonisierung von (weiblicher) Körperbehaarung im 20. Jahrhundert die Hersteller von Rasiergeräten eine Rolle spielten, bleibt spekulativ. Fakt ist, dass mit dem Einzug der freizügigeren Mode (Stichwort: Minirock und Bikini) auch die Werbetrommeln für Rasierer u.a. Haarentfernungshilfsmittel kräftiger gerührt wurden. Übrigens kostet noch heute ein Rasierer für Frauenhaare in der Drogerie mehr als einer für Männerhaare. Genauso wie ein Friseurbesuch.

Obwohl in den 70er- und 80er-Jahren schon mal der Versuch gemacht wurde, dieser Schönheitsnorm wuchernder Körperhaare etwas entgegenzusetzen, rasieren sich 97 % der Frauen laut einer Studie an mindestens einer Körperstelle regelmäßig. Bei Männern dagegen nur jeder Fünfte. Die Vorstellung, dass Haare am weiblichen Körper etwas Ekelhaftes wären, wird wohl auch durch Medien und Unternehmen genutzt, um Haarentfernungsmittel und -geräte zu vermarkten. Flatrates im Waxing-Studio inklusive.

Dabei erfüllen Körperhaare einen Zweck

Im Intimbereich oder unter den Achseln:

  • helfen sie bei der Temperaturregulierung,
  • unterstützen das Mikroklima
  • und reduzieren die Reibung.
  • Auch wird durch die Oberflächenvergrößerung der Duft besser verteilt. OK, das mag heute nicht jeder – ist aber schon wieder ein neues Thema.

Fazit

Lass wachsen! Oder auch nicht. Sie können die gängigen Normen gekonnt in Frage stellen und selbstbewusst die Achselhaare tragen und sogar färben. Als neuer Trend erobern Achselhaare in Regenbogenfarben Instagram. Sie können es aber auch lassen und sich an den babyglatten Bereichen erfreuen. Was trendy, sexy oder angenehm ist, entscheiden immerhin noch Sie!

Quellen:

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