Coolout statt Burn-out – Wenn die Seele auskühlt (Teil 2)

Coolout statt Burn-out – Wenn die Seele auskühlt (Teil 2)

Das Phänomen Coolout beschreibt den Prozess, wie wir alle im Laufe unserer beruflichen Tätigkeit lernen, uns gegenüber Widersprüchen kalt zu machen. Wie sich Gleichgültigkeit gegenüber den vorherrschenden Umständen entwickelt, wie versucht wird, die eigenen moralischen Ansprüche zu erfüllen und wie selbstverständlich dabei die Regeln gebrochen werden. Statt wie im Burn-out innerlich auszubrennen, kühlt man im Coolout aus.

Die Kälteellipse veranschaulicht die insgesamt 16 Reaktionsmuster entsprechend der Reflexionsstadien. Das heißt: Beginnend vom naiven Zugang, wo ein Widerspruch generell nicht erkannt wird, über eine Hinnahme der Tatsachen, über den Versuch der Auflösung durch unzählige Strategien bis hin zur Einsicht der Unauflösbarkeit des Widerspruchs. Entsprechend der „Kältestadien“ gibt es unterschiedliche Versuche, den Widerspruch aufzulösen. Sei es, indem man Prioritäten anders setzt und Kompromisse sucht bis hin zu Abstrichen in der Pflege und einer zufälligen einzelnen Patientenversorgung.

Regelkonforme Reaktionsformen = Naiver Zugang

In der Phase der Naiven Überwindung und der Fraglosen Übernahme kommt ein Widerspruch noch nicht ins Bewusstsein. Der normative Anspruch und die Funktionalität stehen noch getrennt betrachtet nebeneinander. Patientenorientierte Pflege und die Forderung nach schnellem Arbeiten werden als „Einheit“ wahrgenommen. Die Gegebenheiten des Alltags werden ohne Hinterfragen und Reflexion übernommen. Relativ selbstverständlich sehen Pflegende die Erfüllung ihrer Aufgaben im Stationsalltag an. Zum Beispiel mit zwei Pflegekräften und einem Auszubildenden am Wochenende für 40 Patienten verantwortlich zu sein. Das sei doch alles machbar und legitim. Dabei wird jedoch noch nicht erkannt, dass der Alltag unter den vorherrschenden Bedingungen nicht erfüllt werden kann. Dieser angepasste Zustand ist Ausdruck dafür, dass entweder der Zustand als unveränderbar angenommen wird oder die Ansprüche bereits runtergeschraubt wurden, um einen reibungslosen Ablauf des Alltags zu gewährleisten. Es gibt quasi kein Problem.

Während bei der Ahnung von Kälte langsam erkannt wird, dass irgendwas nicht stimmt. Man sieht zwar schon die negativen Auswirkungen und Schwierigkeiten bei der Erfüllung der eigenen Ansprüche, wenn man sich ausschließlich an den Anforderungen orientiert, aber beide „Seiten“ werden immer noch getrennt wahrgenommen, ohne den Zusammenhang zu erkennen. Der Alltag wird in dieser Phase noch als akzeptabel und nicht problematisch erlebt, dennoch erfolgen bereits Lösungsversuche, jedoch beschränkt auf das einzelne Problem.

Kommt es zu einer Widerspruchserfahrung, indem aus der Ahnung Gewissheit wird, kann man nicht mehr in die Naivität zurückfallen. Eine Verdrängung ist im Sinne der Selbsttäuschung zwar möglich, aber damit verschwindet die Erkenntnis nicht aus dem Bewusstsein und man ist gezwungen, in irgendeiner Art und Weise entsprechend zu reagieren.

Operative Reaktionsformen = Praktische Hinnahme

Diese Reaktionsform bringt die Erkenntnis, dass nicht alles geleistet werden kann, was verlangt wird. Die Idealvorstellung von der Erfüllung aller Anforderungen fällt auseinander. Man merkt, dass man gezwungen ist, der Norm zuwiderzuhandeln. An der Stelle reagieren die Pflegenden mit zwei unterschiedlichen Mustern. Das Opfer hält weiterhin an dem normativen Anspruch fest, wohlwissend, diesen nicht erfüllen zu können und verspürt eine Hilflosigkeit gegenüber der Übermacht der Umstände. Die Zumutungen des Alltages können nicht mehr fraglos hingenommen werden. Man fühlt sich als Opfer der Strukturen, gegen die man allein nichts ausrichten kann. Dennoch strebt man weiterhin die Erfüllung der Norm an, spürt aber, dass die Erfüllung dieser nicht von allen als verbindlich angesehen und erwünscht wird. Eine Missachtung der Patientenbedürfnisse wird beobachtet, hingenommen und es wird mit Bedauern selbst so gehandelt. Das Opfer leidet zwar darunter, aber tröstet sich mit der Aussage, dass es ja nicht an ihm liegt, sondern am System und ergibt sich den Umständen. Statt mit Gleichgültigkeit reagiert es mit Bedauern.

Der Täter besitzt ebenfalls die Erkenntnis, dem Alltag nicht gerecht werden zu können, lässt sich dennoch bewusst auf die Praxis ein und versucht, sich möglichst vorteilhaft darin zu bewegen. Er wägt die geforderten Anforderungen hinsichtlich eigener Vorteile ab und die bewusste Verletzung der Norm begründet er damit, dass er die Dinge eh nicht zum Besseren wenden kann. Aufgrund der vorherrschenden und unveränderbaren Umstände sieht er sich im Recht. Die reine Selbsterhaltung steht hier im Vordergrund.

Zwischenfazit

Bis hierhin gibt es die regelkonformen und die operativen Reaktionsformen. Das heißt, dass entweder gar kein Problem erkannt wurde oder aber, man sich der Übermacht der Verhältnisse fügt und sich anpasst.

 

Hier geht’s zum ersten Teil der Blogbeitragsreihe.

Teil 3 finden Sie hier.

Aber nicht alle Pflegenden nehmen die Umstände als gegeben hin. Im dritten Teil der Blogbeitragsreihe werden die operativen, also praktischen Reaktionsmuster erklärt. Hier wird viel Kraft und Energie aufgewendet, um die strukturellen Bedingungen und die ökonomischen Zwänge zu verändern.

Haben Sie sich in den beschriebenen Situationen wiedererkannt? Ohne Zweifel kommt das Phänomen des Auskühlens nicht nur in der Pflege vor, sondern auch bei Polizisten, Lokführern und Sachbearbeitern. Was sind Ihre Erfahrungen mit dem „Dienst nach Vorschrift“? Schreiben Sie es uns gern als Kommentar auf diesen Beitrag.

 

Quellen:

Weitere Informationen zur Ausbildung zum Heilpraktiker für Psychotherapie finden Sie hier:

Dieser Beitrag wurde von Enikö Orbán, Geschäftsbereichsleiterin Fachbereich Psychotherapie der Deutschen Heilpraktikerschule Leipzig, verfasst.

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