Heilpflanzen im Porträt: Johanniskraut – Die Sonnenkönigin

Heilpflanzen im Porträt: Johanniskraut – Die Sonnenkönigin

Mythos und Geschichte

Zahlreiche Mythen und Geschichten ranken sich um das uralte Heilkraut. Schon die Germanen verehrten das Johanniskraut als Lichtbringer und Symbol für die Sonne. In den gelben Blütenblättern des Johanniskrauts erkannten sie ein irdisches Abbild des Himmelskörpers. Die Johannispflanze ist stark mit der Sommersonnwende am 21. Juni und dem christlichen Festtag Johanni am 24. Juni verknüpft. Die Pflanze steht zur Mittsommerzeit in voller Blüte – in einer Zeit, in der das Fest der „Hochzeit der Sonne mit der Erde“ gefeiert wurde. Auch in den alten Kulturen hat die Pflanze einen starken Bezug zum Licht und der Sonne. Ihr wurde ein warmes und erhellendes Wesen zugesprochen, das alles Böse und Dunkle vertreibt.

Das „Sonnenwendkraut“ wird seit vielen Jahrhunderten heilkundlich verwendet. Heute gilt es als eine der am gründlichsten erforschten Heilpflanzen. Johanniskraut ist ein Spezialist, der auf einigen Gebieten Hervorragendes leistet, ganz ohne das Risiko bedrohlicher Nebenwirkungen mit sich zu bringen. Schon Hippokrates, berühmtester Arzt des Altertums (460 v. Chr.) kannte seine entzündungshemmende Wirkung. Eine Johanniskrautart soll sogar „Panakos“, die allesheilende Pflanze des Arztes und Medizinreformators Galen (129-199 n. Chr.) gewesen sein. Andromachus, der Leibarzt des Nero (1. Jh. v. Chr.), mengte Hypericum in das kaiserliche Lebenselixier. Die Liste der Kräuterkundigen, welche die besonderen Kräfte der Heilpflanze zu nutzen wussten, ließe sich endlos fortführen.

Lichtblick für den Körper

Die edle Sonnenpflanze nimmt Licht auf und speichert es – eine wahre Sonnenkönigin der Pflanzenwelt! Sie entfaltet ihre Heilkraft auf körperlicher und seelischer Ebene. Besonders Schnitt- und Stichwunden in nervenreichen Geweben (wie Fingerkuppen), Verbrennungen 1. Grades an ebensolchen Stellen können sich Dank der Pflanzenkräfte gut regenerieren. Genauso hilft sie bei Verletzungen und Wunden der Seele. Die in ihr gesammelte Kraft des Sonnenlichtes ist wohltuend und stärkend. Selbst Paracelsus, Arzt, Alchimist und Naturforscher (15. Jh.) lobte das Johanniskraut: „Ihre Tugend kann gar nicht genug beschrieben werden. Es ist nicht möglich, dass eine bessere Arznei für Wunden in allen Ländern gefunden wird. Das ist ein Arnicum, ein Universalmittel mit höchster Wirkkraft, der sich alle beugen müssen.“

Und schon vor 2000 Jahren wussten die Heilkundigen Johanniskraut gegen Wunden und entzündliche Gelenkserkrankungen einzusetzen. Als Hyperikon war das Johanniskraut in der Antike bekannt. Der griechische Arzt Dioskurides (1. Jh. n. Chr.): „Mit Wein getrunken, vertreibt es das drei- und viertägige Fieber; der Samen 40 Tage eingenommen, heilt Ischias und die Blätter samt dem Samen als Umschlag heilen Brandwunden.“

Aber auch bei Phantomschmerz amputierter Glieder oder dem Wundschmerz nach Zahnextraktionen wird Johanniskrautextrakt gerne eingesetzt. Wissenschaftler nehmen inzwischen an, dass ein zentral-analgetischer Effekt vorliegt: Durch Johanniskraut werden folglich die Schmerzzentren im Gehirn beeinflusst.

Signatur des Blutes

Johanniskraut enthält viele hochwirksame Inhaltsstoffe. Mehr als 15 Prozent Gerbstoffe verleihen ihm die Kraft, Bakterien zu töten, Wunden zu schließen und Durchfälle zu lindern. An seiner breiten Wirkung sind ebenfalls Flavonoide beteiligt, die bei Venenleiden die Gefäße stärken und darüber hinaus antivirale Aktivität zeigen.

Als Hauptwirkstoff gilt jedoch der rote Pflanzenwirkstoff Hypericin. Dieser gilt als das Erkennungsmerkmal der heilkundlich verwendeten Johanniskrautarten. Die Bezeichnung „Tüpfelkraut“, wie es auch genannt wird, weist auf eine Besonderheit hin: Die Blätter haben unzählige kleine Pünktchen (Tüpfelchen), wenn man sie gegen das Licht hält. Diese Punkte sind die Öldrüsen in den Blättern. Diese und der zweikantige Stängel weisen darauf hin, dass es sich um das medizinisch wirksame Johanneskraut – das Hypericum perforatum – handelt. Der Volksmund nennt den Saft, der beim Zerreiben der Blätter entsteht, auch „Johannis-“ oder „Herrgottsblut“. Diese blutroten Farbstoffe deuten dem Signaturkundigen bereits die Kraft an, die in dem Sonnengewächs steckt. Wenn man die Blütenblätter des Johanniskrautes zwischen den Fingern zerreibt, dann quillt ein dunkelroter Saft hervor – die Ursache besteht in dem enthaltenen Hypericin und erklärt die weiteren Namen des Krautes, welche die Silbe „Blut“ beinhalten, bspw. ‚Blutkraut‘. In dieser Hinsicht ist das Johanniskraut auch eine typische Signaturpflanze – es hat so die Signatur für das Heilmittel gegen Blutarmut und Menstruationsbeschwerden.

Lichtkraft in der Hausapotheke

Johanniskraut-Öl ist ein wundervolles Heilmittel und sollte in keiner guten Hausapotheke fehlen. Die Herstellung ist ganz einfach. Dabei ist jedoch Vorsicht geboten, denn Hypericin färbt Haut und Kleidung rot!

Herstellung von Johanniskraut-Rot-Öl:

Ein sauberes helles Glas locker mit geöffneten Blüten, Knospen und den jungen, grünen Fruchtkapseln mit einem guten Bio-Öl (z.B. hochwertiges Olivenöl) übergießen. Mindestens 1 Woche stehen lassen und nur mit einem Küchentuch abdecken. So kann Feuchtigkeit entweichen. Dann verschließen und noch weitere 5 Wochen stehen lassen, bis es sich rubinrot verfärbt, dabei muss es mehrmals aufgeschüttelt werden. Nun durch einen Teefilter abseihen und in dunkle Fläschchen füllen und an einem kühlen Ort lagern.

Verwendet wird das Rot-Öl zum Einreiben, die Haut ist ein wichtiges Einsatzgebiet für das Johanniskraut. Die entzündungshemmenden Eigenschaften des Öles macht man sich zunutze bei Hauterkrankungen wie z.B. Neurodermitis und es kann äußerlich als Wundheilmittel und bei Sonnenbrand eingesetzt werden. Johanniskrautöl wurde jüngst auch als Einreibung gegen rheumatische Beschwerden wiederentdeckt. Auch Fußmassagen mit dem Öl wirken äußerst wohltuend bei schmerzenden Füßen, da es sowohl körperliche als auch seelische Verspannungen lösen kann.

Johanniskraut in der Homöopathie

Homöopathisch zubereitetes Johanniskraut erweist sich als Heilmittel für Sonnenallergie. Dem Leitsatz der Homöopathie entsprechend – Ähnliches werde durch Ähnliches geheilt – kann nur eine dementsprechende Arznei erworbene Schäden durch die Sonne heilen, die auch den Einfluss hat, die Strahlenwirkung auf die Haut zu verstärken. Von der Dosis hängt also die Wirkung ab! Bei Lichtdermatosen, Sonnenallergien oder bei besonders lichtempfindlichen Augen kann man Hypericum C30 versuchen und ergänzend reichlich Pro-Vitamin A zuführen. So kann die Regenbogenhaut etwas vor UV-Strahlen geschützt werden.

Sonnenschein für die wunde Seele

Seit dem späten Mittelalter verwendete man das Johanniskraut gegen Angstzustände und Stimmungstiefs, durch seine antidepressive und leicht euphorisierende Wirkung. Der berühmte Arzt und Pfarrer Kneipp (19. Jh.) beschreibt die Wirkung des Johanniskrautes so: „Das Johanniskraut hat in seinen Blüten Sommer, Sonne und Licht gespeichert. Wenn wir uns also einen Tee davon zubereiten, nehmen wir ein bisschen davon auf und es vertreibt uns die seelische Verfinsterung.“

Tee-Rezept:

Für die Zubereitung 1 Tasse Tee benötigt man 1-2 gehäufte Teelöffel des blühenden Krautes, egal ob frisch oder getrocknet und übergießt es mit frischem kochenden Wasser. Der Aufguss mit getrocknetem Kraut 10 Min zugedeckt ziehen lassen, frisches Kraut dagegen benötigt nur 2-3 Min.

Gleichermaßen wird in der heutigen Zeit das Johanniskraut gerne gegen Melancholie, Schwermut und Niedergeschlagenheit eingesetzt. Eine positive Wirkung ist durch viele klinische Studien bestätigt. Den genauen Grund für die antidepressive Wirkung kann wissenschaftlich bis heute nicht erschöpfend erklärt werden.  Man vermutet, dass neben anderem die Inhaltsstoffen Hypericin, Hyperiforin sowie Flavonoide dafür verantwortlich sind. Sie erhöhen den Serotoninspiegel durch Hemmung der Catechol-O-Methyltransferase und Monoaminoxydase und hemmen außerdem präsynaptisch die Wiederaufnahme von Serotonin, Dopamin, Noradrenalin, GABA und L-Glutamat. Die Folge ist eine erhöhte Wirksamkeit dieser für die Psyche und Resilienz wichtigen Neurotransmitter im zentralen Nervensystem.

Durch die angstlösende Wirkung wird die Blütenessenz des Johannisrauts ebenso in der Volksmedizin gern eingesetzt bei nagender Ungewissheit, Zukunftsängsten, Unsicherheit, Irritierbarkeit, mangelnder Selbstsicherheit. Auch beim Bettnässen der Kinder, bei Alpträumen und sogar bei Schüchternheit und Angst vor dem Unbekannten. Wissenschaftler konnten selbst diese Wirkung bestätigen: Johanniskrautextrakte steigerten die Entdeckungsaktivität von Mäusen in fremder Umgebung.

Ausgleichende Wirkung im Alltag

Wir leben in einer Zeit, die immer mehr von Verdichtung, Schnelligkeit und Hektik geprägt ist. Ständige Erreichbarkeit, permanentes Bedienen von Smartphone, Tablet & Co oder unregelmäßige Arbeitszeiten machen auf Dauer zwangsläufig krank. Auch der natürliche Wechsel von Aktion und Ruhephasen zur Regeneration ist oft nicht mehr oder nicht ausreichend gegeben. Zuerst beginnt die Seele zu leiden, in der Folge ermüdet der Körper und die Abwehrkräfte schwinden. Menschen, die von Lippenherpes geplagt sind, berichten, dass die juckenden Bläschen in Stresssituationen, bei Kummer oder bei Streit an die Oberfläche kommen. Nimmt die Erschöpfung überhand, hilft nur noch eine freie Zeit oder „Sonnendoping“. Die intensive Mittsommersonne verleiht dem Johanniskraut die Macht, Seele und Körper gleichermaßen positiv zu regulieren. In Untersuchungen erwies sich Johanniskraut sogar als antiviral. Durch die Einnahme von z.B. Ceres Hypericum Urtinktur heilen nicht nur Lippenbläschen viel schneller ab, auch die Stimmung und das Immunsystem stabilisieren sich wieder.

Was beachtet werden muss!

Da es bei der Einnahme von Johanniskraut-Präparaten einiges zu beachten gilt, ist angezeigt, vorher Rücksprache mit einem Arzt, Apotheker oder Heilpraktiker zu nehmen, vor allem, wenn bereits andere Medikamente eingenommen werden. Johanniskraut kann die Wirkung einiger anderer Medikamente beeinträchtigen. Bei Einnahme von blutverdünnenden und bei in der Tumortherapie eingesetzten Medikamenten und vor allem bei Gebrauch der Antibabypille ist Vorsicht geboten. Auch Schwangere und Stillende sollten Johanniskraut nur nach Rücksprache mit einem Arzt oder Heilpraktiker nehmen. Auch wird bei Einnahme von Johanniskraut die Haut lichtempfindlicher, daher möglichst die pralle Sonne meiden. Zu beachten ist unbedingt, dass es bei der Einnahme von Johanniskraut in Kombination mit Antidepressiva zu einem lebensbedrohlichen Serotoninsyndrom kommen kann!

Die Sonnenpflanze im Kräutergarten

Das Johanniskraut empfiehlt sich sehr für den Anbau im eigenen Kräutergarten, da es sehr anspruchslos ist, was die Bodenbeschaffenheit betrifft und fast überall in Europa gedeiht. Es zeigt sich gern in Gärten unterschiedlichster Stilrichtungen. Für den Gärtner hat es den Vorteil einer leichten Pflege. Wo es sich allerdings erst mal eingenistet hat, lässt es sich nicht mehr ohne Weiteres entfernen. Die Kräuterpflanze verbreitet sich nämlich nicht nur durch den Samen, sondern auch über Wurzelausläufer. Wild wächst Johanniskraut gern an Weg- und Feldrändern, auf Magerwiesen und auf Waldlichtungen. Die Pflanze kann sich in wenigen Jahren zu einer stattlichen kleinen Staude oder einem Strauch entwickelt. Mit seinen attraktiven, leuchtend sonnengelben Blüten ist die Heilpflanze des Jahres 2019 ein dekorativer Strauch, der auch in einen Topf auf einem Balkon oder in eine passende Ecke im Garten gestellt werden kann.

Quellen:

  • Heilmittel der Sonne (AT Verlag) von Margret Madejsky und Olaf Rippe
  • Spirituelle Pflanzenheilkunde (Hrsg.: Verein Europäische Klosterheilkunde Gut Aich, AfN – Akademie für Naturheilkunde GmbH) von Heidi Friedberger, Siegfried Kober, Pater Johannes Pausch, Verena Reisinger

 

Phytotherapie (Pflanzenheilkunde) ist einer der Inhalte der Ausbildung zum Heilpraktiker für Naturheilkunde an unserer Schule. Erfahren Sie hier mehr:

Dieser Beitrag wurde von Maika Oechel, Geschäftsbereichsleiterin Naturheilkunde der Deutschen Heilpraktikerschule Leipzig, verfasst.

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