Was verdient ein Heilpraktiker für Psychotherapie ‒ Einkommen, Perspektiven und warum die Nachfrage steigt: Ich bin kein Heilpraktiker für Psychotherapie. Aber ich kenne ansässige Heilpraktiker für Psychotherapie in meinem Umfeld. Dabei ist es scheinbar irrelevant, ob die Praxis in einer Großstadt ist oder bei mir um die Ecke auf dem Lande. Ich selbst habe keine Praxis, keinen Klienten und kein Zertifikat an der Wand. Aber ich sehe, dass seit mehreren Jahren dieser Beruf sich mehr und mehr etabliert hat – und ehrlich gesagt verstehe ich nicht, warum er so wenig bekannt ist.
Denn was Menschen in diesem Beruf tun, ist keine Nischentätigkeit. Sie begleiten andere Menschen durch Krisen, Erschöpfung, Phasen, in denen alles zu viel wird. Sie tun das ohne Kassenvertrag, Bewilligungsverfahren und Formulare in dreifacher Ausfertigung. Wer Hilfe braucht, muss sich nicht durch ein System kämpfen – ein Anruf, ein erstes Gespräch und dann geht es los. Ohne halbjährige Wartezeit davor.
Und trotzdem: Viele kennen diesen Beruf kaum. Oder sie kennen ihn – und unterschätzen ihn. Im schlimmsten Fall werten sie ihn ab. Ich habe das Gefühl, dass viele dem Beruf skeptisch gegenüberstehen – oft ohne ihn wirklich zu kennen. Was dahintersteckt, weiß ich nicht genau. Vielleicht der fehlende Kassenstempel. Oder das Wort „Heilpraktiker“, das für manche mit Esoterik assoziiert wird, obwohl das nichts miteinander zu tun hat. Vielleicht einfach Unkenntnis. Was ich sehe, sind die Klienten, die wiederkommen ‒ Woche für Woche.
Warum jetzt gerade so viele Menschen Unterstützung suchen
Wenn man sich die aktuellen Zahlen anschaut, wird einem schnell klar, dass psychische Gesundheit kein Randthema mehr ist. Das Robert-Koch-Institut hat 2024 ermittelt, dass rund 22 Prozent aller Erwachsenen in Deutschland eine depressive Symptomatik zeigen. Tendenz steigend.
Gleichzeitig warten Menschen vielerorts sechs Monate oder länger auf einen Therapieplatz. Die Bundestherapeutenkammer hat das immer wieder dokumentiert. Und wer selbst oder im Umfeld davon betroffen war, weiß: Ein halbes Jahr auf einen Termin zu warten, während es einem nicht gut geht, ist keine abstrakte Statistik. Das ist eine sehr konkrete Erfahrung.
In diesen Spalt – zwischen dem, was Menschen brauchen, und dem, was das Kassensystem leisten kann – passen niedrigschwellige Angebote wie:
- Krisenbegleitung
- Gesprächsarbeit
- Stabilisierung
- Begleitung in Umbruchphasen.
Genau das, womit Heilpraktiker für Psychotherapie arbeiten.
Das ist kein Versprechen, dass eine Praxis sich von selbst füllt. Aber es ist ein ehrlicher Hinweis. Noch nie waren die gesellschaftlichen Voraussetzungen für diesen Beruf so vielversprechend wie heute.
Was diesen Beruf von anderen unterscheidet – und warum das wichtig ist
Es gibt einen Unterschied, den ich anfangs nicht einschätzen konnte. Der Heilpraktiker für Psychotherapie ist keine abgespeckte Version eines Psychotherapeuten. Er ist etwas anderes.
Keine Kassenanbindung bedeutet auch keine Kassenregeln wie:
- Bewilligungsverfahren, das entscheidet, welche Methode „erlaubt“ ist und welche nicht.
- Sitzungskontingente oder
- Antrag auf Kurz- oder Langzeittherapie.
Stattdessen: ein Gespräch zwischen zwei Menschen, in dem der Therapeut entscheidet, was diesem konkreten Menschen jetzt helfen könnte. Das klingt erst mal banal. Ist es aber nicht. Wer jemals erlebt hat, wie das Kassensystem jemanden durch Bürokratie aufreibt, der eigentlich einfach Hilfe braucht, der versteht den Wert dieser Freiheit.
Dazu kommt: Die Honorare sind frei vereinbar. Es gibt keine Mindest- und keine Höchstsätze, die irgendeine Behörde festlegt. Was eine Sitzung kostet, vereinbaren Therapeut und Klient – transparent, direkt, ohne Zwischeninstanz. Das bringt Verantwortung mit sich. Aber auch echte Handlungsfreiheit. Und die ist, wenn man mit Menschen arbeiten will, keine Kleinigkeit.
Was man als Heilpraktiker für Psychotherapie wirklich verdienen kann
Jetzt zum Teil, bei dem viele unsicher sind ‒ das Einkommen. Was verdient ein Heilpraktiker für Psychotherapie?
Es gibt kein Gehaltsschema oder Tarifvertrag. Keine Formel, die sagt: „Nach drei Jahren verdienen Sie X.“ Das Einkommen hängt komplett davon ab, wie voll die Praxis ist, was man pro Stunde verlangt und wie effizient die Praxis läuft.
Als Orientierungsrahmen existiert das sogenannte GebüH – das Gebührenverzeichnis für Heilpraktiker, das 1985 erstellt und seitdem nicht mehr aktualisiert wurde. Das GebüH ist für Heilpraktiker nicht verbindlich. Viele private Krankenversicherungen und Beihilfestellen orientieren sich jedoch an den dort aufgeführten Ziffern und Beträgen, wenn sie die Erstattung von Heilpraktikerleistungen für ihre Versicherten prüfen.
GebüH – das Gebührenverzeichnis für Heilpraktiker
Quelle: Gebührenverzeichnis für Heilpraktiker (GebüH 1985/2002), Version für Heilpraktiker für Psychotherapie, herausgegeben von der Continentale, geprüft durch Dr. Werner Weishaupt (VFP)
- (3) Kurze Information, auch telefonisch/Wiederholungsverordnung bis – 4,50 €
- (4) Eingehende Beratung, mind. 15 Min. (ggf. inkl. Untersuchung) – 16,40–22,00 €
- (5) Beratung, auch telefonisch (ggf. inkl. kurzer Untersuchung) – 8,20–20,50 €
- (6) Wie Ziffer 5, außerhalb der normalen Sprechzeit – 17,00–24,50 €
- (7) Wie Ziffer 5, nachts (20:00–07:00 Uhr) – 19,50–28,50 €
- (8) Wie Ziffer 5, sonn- und feiertags – 15,40–27,00 €
- (19.1) Psychotherapie, ca. 30 Minuten – 15,50–26,00 €
- (19.2) Psychotherapie, 50–90 Minuten – 26,00–46,00 €
- (19.3) Ausstellung eines psychodiagnostischen Befundes – 15,50–38,50 €
- (19.4) Psychotherapeutisches Gutachten (je 2-zeilige Seite) – bis 15,50 €
- (19.5) Psychologische Exploration mit eingehender Beratung – 15,50–46,00 €
- (19.6) Anwendung und Auswertung von Testverfahren – 15,50–38,50 €
- (19.7) Behandlung von Störungen der Sprechorgane, je Sitzung – 15,50–31,00 €
- (19.8) Hypnose/Entspannungstherapie (Einzelperson) – 15,50–26,00 €
Hinweise zum Gebührenverzeichnis für Heilpraktiker
Diese Sätze sind aus den 1980ern. Sie decken in vielen Fällen nicht mehr die realen Kosten einer Praxis – Miete, Software, Versicherungen, Fortbildungen, Vor- und Nachbereitung. Viele Therapeuten arbeiten deshalb mit höheren Selbstzahlerhonoraren, die sie transparent kommunizieren und individuell vereinbaren.
Wer gut positioniert ist, einen klaren Schwerpunkt hat und in seiner Zielgruppe als kompetent wahrgenommen wird, kann deutlich über den GebüH-Werten liegen. Wer gerade anfängt und noch kaum Anfragen hat, wird am Anfang unter seinen Möglichkeiten bleiben – nicht, weil sein Angebot schlecht ist, sondern weil eine neue Praxis Zeit braucht.
Wie eine Praxis wirklich startet – ohne romantische Verklärung
Hier möchte ich ehrlich sein, weil ich denke, dass zu viele Texte über Selbstständigkeit genau diesen Teil überspringen. Am ersten Tag wird sehr wahrscheinlich niemand vor Ihrer Tür stehen. Nicht weil Sie etwas falsch gemacht haben. Sondern weil Menschen jemanden, den sie nicht kennen, erst kennenlernen müssen – bevor sie ihm ihre schwersten Themen anvertrauen.
Vertrauen entsteht nicht durch eine schöne Website allein. Es entsteht durch:
- Sichtbarkeit über Zeit.
- eine klare Sprache, die erklärt, wem Sie eigentlich helfen.
- Empfehlungen, die nach und nach kommen.
- den Arzt in der Nachbarschaft, der irgendwann Ihren Namen weitergibt.
Das bedeutet: Die ersten Monate – oft auch das erste Jahr – sind in vielen Praxen keine Hochlaufphase, sondern Aufbauphase. Wer das weiß und einplant, ist besser vorbereitet als jemand, dem das niemand gesagt hat.
Was in dieser Phase hilft, ist ein klarer Schwerpunkt. „Ich helfe Menschen mit Burnout“ zieht mehr Anfragen an als „ich biete allgemeine psychotherapeutische Beratung“. Nicht weil das eine besser klingt – sondern weil Menschen nach konkreten Problemen suchen, nicht nach allgemeinen Angeboten. Online, bei Empfehlungen, überall.
Dazu braucht es einen vernünftigen Außenauftritt:
- eine Website, die verständlich ist.
- ein Google-Unternehmensprofil.
- Vielleicht ein Eintrag in einem Therapeutenverzeichnis.
Das ist kein Hexenwerk, aber es braucht Aufmerksamkeit.
Für wen dieser Weg gemacht ist – und für wen nicht
Ich finde, das ist eine Frage, die in vielen Berufsbeschreibungen ausgespart wird. Also: Für wen ist der Beruf Heilpraktiker für Psychotherapie wirklich geeignet? Für Menschen, die:
- nicht nur „über Psychologie nachdenken“ wollen, sondern in Gesprächen aufgehen, wenn jemand gegenübersitzt, der Unterstützung braucht.
- bereit sind, unternehmerisch zu denken. Die sich nicht damit abfinden, dass die Praxis schon irgendwie laufen wird, sondern aktiv daran arbeiten, sichtbar zu werden.
- den langen Atem mitbringen und den Aufbau nicht als Rückschlag verstehen, sondern als Teil des Prozesses.
- kontinuierlich lernen wollen. Denn die Methoden, die Haltung, das eigene Verständnis von Beratung und Begleitung – das wächst nicht mit dem Zertifikat, sondern danach. Die besten Therapeuten, die ich kenne, beschreiben sich selbst als ewige Lernende.
Für wen es wahrscheinlich schwieriger wird: Wer in diesem Beruf vor allem einen sicheren Job sucht, mit geregeltem Einkommen von Anfang an. Das gibt es in der Selbstständigkeit nicht – in keinem Beruf. Wer das braucht, sollte das wissen, bevor er sich entscheidet.
Häufige Fragen – kurz und ehrlich beantwortet
Nein, der Beruf setzt keine Hochschulzulassung voraus. Die Zulassung erfolgt durch eine staatliche Überprüfung beim Gesundheitsamt. Eine fundierte Ausbildung ist trotzdem keine Kür, sondern Pflicht – für den Schutz der Klienten und für die eigene Qualität.
Ja, Online-Beratung ist heute ein fester Bestandteil vieler Praxen und wird von vielen Klienten aktiv nachgefragt. Gerade für ländliche Standorte oder für Menschen mit eingeschränkter Mobilität ist das ein echter Mehrwert. Es sollte aber in einem begrenzten Rahmen stattfinden.
Genaue Zahlen sind schwierig, weil es keine zentrale Statistik gibt. Verbandsnahe Hochrechnungen nennen inzwischen mehr als 24.000 Personen mit sektoraler Heilpraktikererlaubnis Psychotherapie. Der Markt wächst – was zeigt, dass der Beruf an Relevanz gewinnt.
Das kommt auf die Versicherung an. Manche Privatversicherungen und Zusatzversicherungen erstatten Leistungen von Heilpraktikern für Psychotherapie – in der Regel anteilig und orientiert an den GebüH-Ziffern. Kassenpatienten können die Kosten nicht über die gesetzliche Krankenversicherung abrechnen. Transparenz gegenüber Klienten ist hier wichtig.
Es gibt keine allgemeingültige Antwort. Viele berichten von einem bis zwei Jahren, bevor eine stabile Auslastung erreicht ist. Wer gut positioniert ist und von Anfang an aktiv auf Sichtbarkeit setzt, kann das beschleunigen. Wer abwartet, wartet oft länger als nötig.
Das Gebührenverzeichnis für Heilpraktiker (GebüH) wird weiterhin als Orientierung genutzt, basiert jedoch auf veralteten Werten aus dem Jahr 1985. Heilpraktiker für Psychotherapie sind nicht daran gebunden und können ihre Honorare frei festlegen. Für privat Versicherte oder Beihilfeberechtigte bleibt das GebüH dennoch relevant, da Kostenträger häufig nur die dort genannten Beträge erstatten. Eventuelle Mehrkosten trägt der Klient selbst.
Das GebüH gibt keine abschließende Liste vor. In der Praxis wenden viele Therapeuten ein breites Spektrum an – von gesprächstherapeutischen Ansätzen über Entspannungsverfahren bis hin zu körperorientierten Methoden.
Für Menschen, die gerne mit anderen in Kontakt sind, unternehmerisch denken können und bereit sind, Zeit in ihren eigenen Aufbau zu investieren. Der Beruf verbindet echte menschliche Arbeit mit echter Selbstständigkeit – das ist eine seltene Kombination.
Zum Schluss – was ich nach all dem denken würde
Wenn ich selbst vor der Entscheidung stünde, ob dieser Weg für mich passt – ich würde mir eine einzige Frage stellen: Bin ich jemand, der in schwierigen Gesprächen aufblüht oder abschließt? Nicht: Verdiene ich genug? Oder: Wie lange dauert die Ausbildung? Sondern: Will ich das wirklich tun? Weil der Rest lösbar ist. Aufbauzeit ist planbar. Positionierung ist lernbar. Betriebswirtschaft ist kein Hexenwerk. Aber die Leidenschaft für diesen Kontakt – die bringen Sie entweder mit oder nicht.
Wer sie mitbringt, findet in diesem Beruf etwas, das selten geworden ist: echte Arbeit mit echten Menschen. Selbstbestimmt, ohne Zwischeninstanz und mit einer gesellschaftlichen Relevanz, die gerade größer ist als je zuvor. Das finde ich, ehrlich gesagt, ziemlich bemerkenswert.
Quellen & Hinweise
- RKI-Panel 2024: Depressive Symptomatik in Deutschland (ca. 22 % der Erwachsenen)
- AOK-Gesundheitsatlas 2024: Depressionsprävalenz 12,5 % (Daten 2022)
- Statistisches Bundesamt (Destatis): Psychische Erkrankungen häufigste Ursache stationärer Behandlungen bei 10- bis 19-Jährigen, 2024
- BPtK: Versorgungsengpässe in der ambulanten Psychotherapie – Wartezeiten und Datenlage
- GebüH – Version für Heilpraktiker für Psychotherapie (Continentale, geprüft durch Dr. Werner Weishaupt, VFP)
- VFP: Empirisches Gutachten zum Heilpraktikerwesen / Hochrechnung sektorale Erlaubnis Psychotherapie (> 24.000 Personen)






