Trauer und Abschied – von der Kraft der Erinnerung

Trauer und Abschied – von der Kraft der Erinnerung

Trauer gilt als das intensivste Gefühl, das wir Menschen haben können. Wir können bspw. um den Tod geliebter Menschen trauern, um den Verlust unseres Arbeitsplatzes, das Nichterleben einer schönen Kindheit, den Verlust der eigenen Gesundheit, der eigenen Jugend oder als Kind auch den Verlust eines besonders geschätzten Spielzeugs. Trauer ist ein hochindividueller Prozess, der verschiedene Phasen durchläuft. Die Trauer kommt oft in Wellen mit Gefühlen wie Schmerz, Ohnmacht und Verzweiflung, ehe die Heilung erfolgt ist. Die Psychiaterin Elisabeth Kübler-Ross arbeitete in ihrer Forschung rund um das Thema Tod acht Phasen heraus.

Phase 1: Leugnen

In dieser Phase dominieren Gefühle wie Starre, Betäubung, Schock oder auch Unglaube. Auch wenn die betroffene Person den Tod des anderen faktisch versteht, leugnet sie ihn jedoch zugleich. Dieser Zustand kann durchaus Wochen dauern. Sollte er danach nicht überwunden sein, ist oftmals eine professionelle Beratung hilfreich.

Phase 2: Wut

Fragen nach dem Warum kommen auf. Fragen wie: „Warum traf es meine Frau?“, „Wieso darf man überhaupt mit dem Auto dort entlangfahren, wo meine Tochter verunglückte?“ oder „Wieso hat die Ärztin meinen Mann nicht gerettet?“ gehören zu dieser Phase. Auch „Wieso hat Gott das zugelassen?“ oder „Warum hat Gott diesen viel zu jungen Menschen aus dem Leben gerissen?“ sind Teil dieser wütenden Frage nach dem Grund für diesen furchtbaren Verlust.

Die Wut sorgt für Pausen des Schmerzes, damit eine gewisse Erholung aufkommen kann, die von den Trauernden dringend benötigt wird.

In dieser Phase tut es gut, dieser Wut einen Raum zu geben. Durch Gespräche, Aufschreiben der Gedanken und Gefühle oder auch durch sportliche Aktivität kann hier Linderung erfolgen.

Phase 3: Schuldgefühle

„Wäre ich früher aufgestanden und hätte gesehen, wie gestresst mein Mann war, hätte ich ihn sicherlich von der Fahrt zur Arbeit abgehalten und der Unfall wäre nicht passiert.“ Was hier im Grunde nicht lebensnah oder alltäglich umsetzbar klingt, kann ein typischer Gedanke der dritten Trauerphase sein. Am liebsten würde die trauernde Person hier noch einmal mit dem verstorbenen Menschen zusammen sein – doch dies ist natürlich vollkommen ausgeschlossen. Diese erschreckende Endgültigkeit des Todes muss akzeptiert werden. Und damit auch der Tod an sich.

Wichtig: Bei tatsächlich Bestehen einer (Mit-)Schuld am Tod eines Menschen ist dringend geraten, sich professionelle Unterstützung zu holen.

Phase 4: Desorganisation

Wenn die ersten Phasen durchgestanden sind, kommt oftmals eine Vielzahl an Gefühlen gleichzeitig auf. Die Trauernden empfinden Angst und Zweifel, Erleichterung, manchmal Scham sowie auch Wut und Traurigkeit.

Auch in dieser Phase kann eine Trauerbegleitung guttun. Viele Gespräche mit Nahestehenden oder der Austausch in einer Gruppe – sei es online oder in der Nähe – können sehr guttun.

Phase 5: Feilschen und Verhandeln

„Ich tue alles, was du willst, lieber Gott, wenn meine Frau jetzt gleich durch diese Tür kommt.“

Feilschen mit Gott oder anderen möglichen Kräften kann Teil einer Trauer sein. Die Sehnsucht nach dem Leben, das man zuvor kannte, ist sehr groß. Ebenso wie das Sehnen nach der verstorbenen Person.

Phase 6: Depression

Ein psychischer Tiefpunkt kann ebenso zum Trauerprozess gehören. Gefühle von Hoffnungslosigkeit oder Traurigkeit, Antriebslosigkeit sowie auch Isolation gehören zu dieser Phase des Heilungsprozesses. Auch diese Phase ist nicht von Dauer und Trauernde sollten sich Zeit nehmen, diese in ihrem Tempo zu durchleben.

Phase 7: Angst

Plötzlich drängte sich der Tod in das Alltagsbewusstsein und nimmt die Trauernden in Beschlag. Überall könnten plötzlich tödliche Gefahren lauern! Der geistige Fokus kann auf diesen Gefahren liegen und damit können mitunter heftige Ängste entstehen.

„Wie ist es wohl, tot zu sein?“ und andere Fragen von religiöser oder philosophischer Natur können ebenfalls überfordernd und angstauslösend sein.

Phase 8: Akzeptanz

In dem Moment, in dem der Tod es geliebten Menschen akzeptiert wird, setzt die Heilung im Sinne einer spürbaren Linderung ein. Neue hoffnungsvolle Gedanken stellen kommen auf. Dazu auch Fragen wie: „Wie kann das neue Leben ohne diesen Menschen gestaltet werden?“, „Eröffnen sich vielleicht sogar Möglichkeiten, die sich mir vorher nicht zeigten? Kann und will ich diese nutzen?“

Nun können Trauernde wieder in das Leben hineinfinden und daran aktiv teilnehmen. Sie erleben zusammen mit anderen Menschen fröhliche Zeiten und erlernen vielleicht etwas Neues, finden neue Hobbys oder unternehmen eine Reise.

Oftmals empfinden sie in dieser Phase auch Dankbarkeit für das Leben und wertschätzen es (noch) intensiver als zuvor.

Wenn diese Phase erreicht ist, können der Trauer die sprichwörtlichen Flügel wachsen. Die Erinnerungen und Dankbarkeit an die gemeinsam erlebte Zeit mit der geliebten, verstorbenen Person rücken in das Bewusstsein.

Wie Nahestehende in der Trauer unterstützen können

Trauernde sollten nicht alleingelassen werden, auch wenn das Thema Tod für jeden von uns belastend sein kann. Mitgefühl und manchmal auch alltägliche Hilfe können große Unterstützungen sein. Ein offenes Ohr zu haben und zugleich lieber nicht auf Phrasen wie „Das Leben geht weiter“ zurückgreifen sind weitere wichtige Punkte in der Begleitung von Trauernden.

Fachkundige Hilfe finden Trauernde und ihre Angehörigen oder Vertrauten bei Trauerbegleiter*innen.

Trauer ist auch physisch anstrengend und kann mit verschiedenen somatischen Beschwerden einhergehen. Schlafstörungen, Appetitstörungen, Schmerzen und Übelkeit sowie Brechreiz können dazugehören. Bei solchen Beschwerden ist es ratsam, sich mit einem*r Ärzt*in zu besprechen, um eventuell medikamentös unterstützt zu werden. Ebenso können fachkundige Heilpraktiker*innen den Trauerprozess begleiten. Entspannungsübungen und andere sanfte Methoden können effektiv unterstützend wirken.

Trauer als Anpassungsphase

Trauer ist ein Prozess, dessen Phasen nicht unbedingt in der angegebenen Reihenfolge verlaufen. Oftmals tun sie das nicht oder es gibt immer einmal wieder eine Rückkehr in eine vorherige Phase. Am Ende des Heilungsprozesses steht eine neue Phase des Lebens an, für die man die Heilung als Anpassungsprozess verstehen darf.

Erinnerungen an schöne, schwierige, lehrreiche, lustige und insgesamt bereichernde Momente werden dann ein fester Teil der eigenen Vergangenheit. Das Leben wird als endlich begriffen und kann daher oftmals tiefer ausgeschöpft werden. Denn auch die Zeit mit anderen nahestehenden Menschen ist zeitlich begrenzt – wie auch das eigene Leben.

Und es stellt sich oftmals nun die Frage, wie man die Zeit, die einem gegeben wird, möglichst sinnvoll nutzen kann.

Hier finden Sie alle Informationen zu unseren Heilpraktikerausbildungen:

Dieser Artikel wurde von Saskia Epler verfasst. Sie ist Dozentin an der Deutschen Heilpraktikerschule Mülheim / Ruhr, Heilpraktikerin für Psychotherapie, zertifizierte Schematherapeutin, zertifizierte psychologische Beraterin, examinierte Familienpflegerin und familienbiografischer Coach.

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