Sprechstunde bei Dr. Freud: Der einsame Sammler

Sprechstunde bei Dr. Freud: Der einsame Sammler

Der einsame Sammler – Während sich die schwere eiserne Dampflok langsam wieder in Bewegung setzt und sich sichtlich abmüht, den Zug bis nach Leipzig zu ziehen, bestaunt Freud das malerische Panorama sowie die landschaftliche Schönheit der Wiener Alpen. Gemächlich durchzieht die Eisenbahn weite saftig-grüne Täler mit tiefblauen, kristallklaren Seen, mit Wildblumen übersäte Hänge, umrahmt von in den Himmel hochragenden Berggipfeln.

Er selbst hat bereits 1906 die Empfindungen bei Zugreisen mit Sexualität in Verbindung gebracht. Dieses Rütteln und Schütteln während der Fahrt, ruft ein Lustgefühl hervor, welches im Falle der Unterdrückung der Sexualität die betroffene Person bei Bahnreisen auch als Angst erlebt. Manch einer erkrankt auch an der „Eisenbahnkrankheit“, Siderodromophobie. Freud selbst leidet auch unter einer Art der Zugangst. Umso mehr versucht er, sich zu entspannen und lässt seinen Blick in die Ferne schweifen. Je mehr sich die Eisenbahn seinem Ziel nähert, desto mehr erinnert er sich an seine frühen Kindheitstage in Leipzig. Damals, 1859, lernte er Ariel kennen. Da Sigmunds Vater Jacob als Wollhändler keine dauerhafte Aufenthaltsgenehmigung in der Handelsmetropole erhielt, zog die Familie schließlich im selben Jahr noch nach Wien. Was aber blieb, war die tiefe Freundschaft zu Ariel Ephraim Blumenthal. In seinem letzten Brief an Freud schrieb Ariel Zeilen, welche Sigmund sehr beunruhigten und besorgten, sodass er sich kurzerhand, trotz seiner Zugangst, auf den Weg nach Leipzig zu seinem Freund machte.

Endlich angekommen macht sich Sigmund im Hotel nur kurz frisch. Eine innere Unruhe lässt ihn nicht los, sodass er sich unverzüglich zu Ariel begibt.

Auf dem Weg zur Wohnung seines Freundes im Waldstraßenviertel stockt Freud oft genug der Atem. Tief beeindruckt von den vielen Gründerzeithäusern und all den anderen architektonischen Schätzen stellt er erneut fest, wie sehr sich das Leipzig von früher verändert hat. Vor dem Haus mit den riesigen Erkern und Türmchen bleibt er stehen. Es ist das Wohnhaus, in dem er und seine Familie kurze Zeit lebten und in dem sein Freund heute noch wohnt.

Als auf sein Klopfen und Rufen niemand antwortet, schaut er nach dem alten Geheimversteck, in dem der Wohnungsschlüssel für Notfälle hinterlegt ist. Und zum Glück findet er ihn auch immer noch dort. Wenigstens das hat sich in all den Jahren nicht verändert.

Vorsichtig öffnet er die Tür. Irgendwas scheint sie zu blockieren. Nur mit Mühe schafft er es, den Stapel an Zeitungen, Büchern und Papier zur Seite zu schieben, um in die Wohnung zu gelangen. Ein äußerst unangenehmer Geruch steigt ihm in die Nase. Er ruft nochmal nach Ariel und kämpft sich mühsam durch den Korridor, vorbei an Unmengen Müll. Was für ein Chaos in dieser Wohnung herrscht, wird ihm klar, als er sich weiter zur Wohnstube begibt. Die Gardinen hängen teilweise völlig kaputt an den Fenstern, wenig Tageslicht fällt in das Zimmer und scheinbar wurde auch schon lange nicht mehr gelüftet. Einsam, zusammengekauert und völlig verwahrlost findet Sigmund seinen Freund aus Kindertagen auf der Chaiselongue. Als dieser Freud entdeckt, schaut er ihn mit ganz großen Augen an, erst etwas irritiert, dann arg beschämt, aber schließlich steht er auf und nimmt seinen Freund überaus glücklich in die Arme. Für einen kurzen Moment verharren die beiden Männer so, ohne ein Wort zu sagen bis Freud ihn schließlich bittet, sich wieder auf die Couch zu setzen (eine alte Angewohnheit von ihm). Ariel bietet seinem Freund eine Tasse Muckefuck an, welche Sigmund dankend ablehnt. An den Wiener Kaffee kommt dieses Malzgetränk nicht heran.

Sigmund erkundigt sich, wie es dazu kam, dass die Wohnung so heruntergekommen ist und auch nach dem Verbleib von Ariels Ehefrau Irit Margalit. Der Sammler berichtet ihm, dass sie ihn vor knapp zwei Jahren verlassen habe und seitdem fühlt er sich innerlich blockiert und wie gelähmt. Er nimmt zwar wahr, dass er in all dem Chaos sitzt, kann aber nichts dagegen unternehmen. Einfachste alltäglich anfallende Arbeiten schafft er kaum noch zu verrichten, seine persönliche Hygiene vernachlässigt er immer mehr und seine sozialen Kontakte sind ebenfalls eingeschlafen. Mittlerweile hat er das zwanghafte Gefühl, völlig sinnlose Gegenstände zu sammeln und zu horten. Auch schafft er es nicht, sich von all diesem Krempel zu trennen. Struktur und Ordnung in seinem persönlichen Umfeld schafft er schon lange nicht mehr zu halten.

Anfangs hat er all die Dinge aufgehoben, welche ihn an Irit Margalit erinnerten und die die beiden verbunden haben. Sie fehlt ihm so sehr und er bedauert es zutiefst, dass er sie nicht halten konnte, sodass er nun an all dem Krempel festhält. Er lebt in absoluter Isolation und Hoffnungslosigkeit. Der Mangel an Liebe und Zuwendung habe ihn auch zunehmend depressiver gestimmt. Kaum noch erhält er Besuch und die fortschreitende Isolation frustriert ihn, sein Selbstwertgefühl nimmt immer mehr ab und der Versuch, das alles mit materiell greifbaren Dingen zu kompensieren, hat nicht geklappt.

Sigmund wird sofort klar, dass sich hier das innere Chaos im Außen zeigt. Ariel, dem Sammler, gelingt es nicht, seine eigenen Wünsche und Triebe mit den aktuellen Anforderungen des Lebens in Einklang zu bringen und sucht nach einem Ersatz für etwas, was er selbst nicht benennen kann. Das Loch in seiner Seele muss irgendwie gestopft werden.

Aber wie macht er das nun seinem Freund klar? Zuallererst muss der Sammler zur Einsicht gelangen, dass er selbst etwas an dem Chaos ändern will. Auch möchte Freud verhindern, dass es bei einer Entmüllungsaktion zu Panikreaktionen kommt, denn einerseits entlastet der Müll Ariel von seinen seelischen Problemen, andererseits sind die Gegenstände emotional besetzt. Sich von diesen dann zu trennen, kann häufig noch einmal als Verlust erlebt werden.

Oft kann man nur loslassen, wenn man erkennt, warum man festhält.

Schrittweise versuchen die zwei nun einen Plan auszuarbeiten, wie sie gemeinsam das Chaos in den nächsten Tagen beseitigen können. Immer wieder stellt Sigmund dem Sammler die Frage, ob der Gegenstand ihm dienlich sei. Denn wenn nicht, dann dient er dem Objekt. Auch bringen die beiden wieder Struktur und Ordnung in die Wohnung, legen Dinge an der Stelle ab, an der man intuitiv auch als erstes suchen würde. Und überprüfen die funktionelle und emotionale Funktion der Gegenstände.

Die ganzen Tage lang stand immer die Frage im Raum, ob Ariel, der Sammler, sich von den vermeintlich benötigten Gegenständen trennen soll oder nicht. Aber auch da bat Sigmund seinen Freund immer, auf sein Herz zu hören. Denn wenn ein Gegenstand ihn berührt und dieser ihn in dem Moment glücklich macht, egal ob nun ein getragenes Kleidungsstück, ein Buch oder auch eine Kaffeetasse, dann kann er ihn auch behalten.

Niemals sollte eine Erinnerung eine Last sein.

Diese Geschichte ist Teil der Beitragsreihe Sprechstunde bei Dr. Freud. Hier werden psychische Störungen in einem fiktionalen Kontext vorgestellt. Die Texte erheben keinen Anspruch auf historische Korrektheit.

Teil 1: Die traurige Traurigkeit | Teil 2: Die nimmersatte Esssucht | Teil 4: Die heimliche Krankheit

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Dieser Beitrag wurde von Enikö Orbán, Geschäftsbereichsleiterin Fachbereich Psychotherapie der Deutschen Heilpraktikerschule Leipzig, verfasst.

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