„Los, entspann’ Dich!“ – Von den Tücken im Urlaub

„Los, entspann’ Dich!“ – Von den Tücken im Urlaub

Ein inzwischen leider verstorbener Kollege aus dem Bereich der Naturheilkunde sagte einmal: „Ich mache nie Urlaub. Ich lebe so, dass ich keinen Urlaub brauche.“

Das blieb in mir hängen und ich dachte immer wieder darüber nach – so zu leben, dass man keine zwei, drei Wochen Urlaub am Stück braucht. Ist das möglich? Ist das nötig?

Dazu habe ich mich näher mit den Themen Urlaub und Alltagsleben beschäftigt.

Wir alle leben in einer wirklich schnellen Welt mit vollen Tagen, gefüllten Terminkalendern und – nicht selten – zu wenig Bewegung, eher halbwegs gesunden Ernährung und zu wenig innerem Ausgleich. Stressbedingte psychische und physische Symptome sind oft der Preis dieses Lebensstils.

Wir sind voller Anspannung und sehnen uns nach rituellem Loslassen in einer fest planbaren Phase des Jahres: Urlaub ist das Ziel, auf das wir hinarbeiten.

Die Urlaubsreife stellt sich dann irgendwann wie ganz von alleine ein und wir wissen: Nur noch zwei, drei, vier Wochen über unsere Energiereserven hinaus wirtschaften, dann ist endlich Urlaub.

Lange vorher beginnen wir dann mit dem Planen und schwelgen dabei weit in der Zukunft. Alle Leserinnen und Leser, die sich mit Achtsamkeit beschäftigen, horchen nun vielleicht schon auf…

Es wird gebucht und organisiert: Wohin soll es gehen? Wie lange? Was darf es kosten? Wie wird das Wetter sein? Wo bleiben Hund, Katze, Hamster?

Dann ist das herrliche Ziel gesetzt: Vom soundsovielten Juli oder August bis zwei Wochen danach dürfen wir loslassen. Endlich dürfen wir genießen und müssen nicht rechtzeitig ins Bett, um schon morgens früh etwas zu leisten. Und wir haben endlich genug Zeit zum Malen, Fahrradfahren, Schwimmen, Bergwandern, Tanzen, Yoga, Blumenpflücken, Reiten oder Faulenzen. Die Kinder müssen nicht pausenlos an etwas erinnert, nicht geweckt, nicht mit frisch Gekochtem versorgt werden. Jemand anderes putzt unser Hotelzimmer oder das Ferienhaus für uns, jemand kocht und räumt auf. Jemand anderes hat bereits Veranstaltungen und Ausflüge organisiert. Die Verantwortung und Organisation obliegt nicht mehr alleine uns.

Endlich loslassen das ist Urlaub!

Kurz vor dem Urlaub wird noch gekauft, geplant, Listen geschrieben und gepackt. Für eine einzelne Person erledigt sich das noch fast von alleine, bei einer ganzen Familie artet das oftmals aus und wird – statistisch betrachtet – dennoch überwiegend von einer Person alleine umgesetzt.

Dann endlich: Der große Tag ist da! Früh aufstehen, alles noch einmal checken: Türen abgeschlossen? Hauptwasserhahn abgedreht? Alles gepackt? Beschäftigungen für die Kinder? Lesestoff? Regenjacke? Nachbarn oder Verwandte erhalten den Schlüssel, Tiere werden untergebracht.

Später am Tag heißt es dann:

Stau überstanden, Flugverspätung ausgehalten, angekommen. Zimmer gesucht oder Ferienhaus bezogen und ausgepackt.

Jetzt aber: Entspannen! Loslassen!

„Los, entspann’ Dich!“

Irgendwie gelingt das Entspannen jedoch einfach nicht sofort.

Und auch am zweiten Tag ist alles eher noch aufregend und die Anspannung will nicht verfliegen – dabei haben wir doch nicht ewig Zeit zum Erholen!

Tag Nummer Drei verspricht eventuell Besserung und auch da sind immer noch Dinge, die ärgern, stören oder anstrengen: Die Kinder zanken, der Strand ist überfüllt, das Wetter spielt nicht mit.

Ja, natürlich ist Familienurlaub eher Alltag an einem anderen Ort – aber auch reisende Paare liegen sich ab Tag vier bis fünf gerne einmal in der Wolle.

Dann wird noch irgendjemandem schlecht, ein anderer verträgt das Essen vor Ort nicht. Die hoffnungsvoll eingepackte Lektüre kommt zu selten hervor, Sand klebt überall, Ausflüge fallen aus, Baustellen am Hotel oder Schmutz in den Duschen…

Natürlich bietet ein gelungener Urlaub eine Menge an Loslassen, Entspannung, Unternehmung oder was immer wir persönlich suchen. Ein gelungener Urlaub lässt uns entspannt und zufrieden nach Hause und in den uns erwartenden Alltag zurückkehren. Aber genau dies ist nicht planbar: Wird es gelingen?

Was ist das denn bloß mit dem Urlaub? Was macht ihn zu so einem fragilen und auch irgendwie aufgeladenen Konstrukt?

Wissenschaftlich gesehen lassen wir leider erst nach rund 11 Tagen innerlich los. Also im Schnitt drei Tage vor der Abreise, denn durchschnittlich verbringen wir 14 Tage im Sommerurlaub. Somit ist jeder Urlaub zu kurz. Zudem können wir eben nicht planen, wie er verlaufen wird.

Unterschwellige Konflikte entladen sich häufig im Urlaub, weil Paare oder Familien außerhalb ihres angestammten Ortes als System eine ungewohnte Struktur vorfinden.

Angestammtes ist nicht mehr selbstverständlich.

Außerdem gibt es da – oft sehr leise im Hintergrund – diese Anspannung:

„Ich habe nun vierzehn Tage und dann geht es weiter mit dem Alltag bis Weihnachten. Da muss ich mich schnell erholen! Und teuer war es ja auch noch – das muss sich jetzt lohnen!“

Ja, manchmal kommen wir aus dem Urlaub und sind gleich schon wieder reif für die Insel.

Urlaub = Inseln im Alltag

An dieser Stelle kehre ich zurück zum Beginn dieses Beitrags.

Was wäre, wenn wir diese Insel verkleinern, die Erwartungen minimieren und sie dann regelmäßig in das Leben einbauen?

Wie wäre es, wenn wir Achtsamkeits-Inseln bezögen? Von Zeit zu Zeit die Augen schlössen, unserem Atem lauschten, die Kugel Eis im Schneckentempo genössen und immer einmal wieder für fünf Minuten gar nichts täten?

Wie würde sich das Leben anfühlen?

Ich persönlich habe vor längerer Zeit den Selbstversuch gestartet und mitten in meinen lebendigen Alltag – mit vier Kindern zwischen Grundschule und Abitur sowie meiner Arbeit und der Pflege des Hauses sowie des Ausbaus meiner Praxis – Inseln für mich eingebaut.

Und ganz ehrlich: Dafür habe ich lange gebraucht!

Denn dieses Vorhaben hat wirklich viele Unerwartetes mit sich gebracht: Fragen nach dem Sinn bestimmter Tätigkeiten, Fragen nach meiner Selbstfürsorge und meiner Selbstliebe und auch Fragen nach meinen tiefen Wünschen dem Leben gegenüber. Irgendwie hatte ich beim Wort Achtsamkeit mit etwas weniger Aufwand gerechnet und gehofft, eine kleine Kurzmeditation am Tag würde das alles schon richten. Und dann bemerkte ich: Ich hatte ein Alltags- und Lebenssystem, in dem so etwas keinen leeren Raum hatte, den es einfach füllen konnte. Räume mussten geschaffen, alte Überzeugungen und Glaubenssätze durften losgelassen werden. Erst nach und nach konnte ich diese Inseln erschaffen und beziehen.

Inzwischen meditiere ich kurz, mache kurz Yoga, schließe kurz die Augen, sorge für eine kurze Serienfolge für mich, für ein bisschen Hobby und ein wenig Loslassen. Ein Bisschen – das dann aber häufiger.

Ich beurteile immer weniger, bin mehr bei mir selbst und – fühle mich in der Tat weniger urlaubsreif. Ich achte auf die Signale meines Körpers und befinde mich – so nenne ich es ganz realistisch – in der Achtsamkeits-Ausbildung. Denn es nimmt Jahre in Anspruch, von der ursprünglichen Prägung unserer Gesellschaft umzuschalten auf Selbstfürsorge und die urteilsfreie Wahrnehmung dessen, was um uns und in uns ist.

Übrigens: Ortswechsel und Unternehmungen genieße ich dennoch und bedauerte daher wegen der Corona-Pandemie unseren Familienurlaub stornieren zu müssen. Ich hatte jedoch nicht innerlich auf diese Woche gesetzt. Es wäre nett gewesen, mal etwas anderes zu sehen, aber für meine Energiereserven nicht mehr nötig.

Ich wünsche Ihnen heute daher wohltuende Inseln in Ihrem Alltag und schöne Sommerwochen!

Hier finden Sie alle Informationen zu unseren Heilpraktikerausbildungen:

Dieser Artikel wurde von Saskia Epler verfasst. Sie ist Dozentin an der Deutschen Heilpraktikerschule Mülheim / Ruhr, Heilpraktikerin für Psychotherapie, zertifizierte Schematherapeutin, zertifizierte psychologische Beraterin, examinierte Familienpflegerin und familienbiografischer Coach.

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