Fack ju Göhte…. Oder war es doch Werther?

Fack ju Göhte…. Oder war es doch Werther?

Und nein, es handelt sich in diesem Beitrag mal nicht um Elyas M’Barek und die chaotische Klasse 10b der Münchner Goethe-Gesamtschule.

Stattdessen widmet sich dieser Artikel einem ernsten Thema unserer Gesellschaft, dem kausalen Zusammenhang zwischen Suiziden, über die in den Medien berichtet wird und einer Erhöhung der Suizidrate in der Bevölkerung.

Suizid durch das Vorbild anderer, heute auch als Werther-Effekt bezeichnet.

Mit dem Erscheinen, des von Johann Wolfgang von Goethe verfassten Briefromans „Die Leiden des jungen Werthers“, im Jahre 1774, löste dieser eine regelrechte Suizid- Epidemie unter jungen Menschen aus. Auch wenn damals nur begrenzte epidemiologische Beweise vorzufinden waren, es noch keine Online-Nachrichten oder Sozialen Medien gab, steht der Werther-Effekt heute für den Zusammenhang zwischen der Berichterstattung über Suizide prominenter Personen und der Suizidrate in der Bevölkerung.

Der amerikanische Soziologe David Philipps führte 1974 erstmalig den Begriff Werther-Effekt ein. Er konnte als erster Wissenschaftler einen Zusammenhang zwischen der Berichterstattung über Suizide prominenter Personen und der Suizidrate der Bevölkerung nachweisen. Seine Untersuchungen bezüglich prominenter Suizide, über die in der New York Times zwischen 1947 und 1967 berichtet wurde, führten zu der Erkenntnis, dass es in allen berichteten Fällen anschließend zu einem Anstieg der Suizidrate in der Bevölkerung führte. Die Zahl der Nachahmungstäter war umso höher, je prominenter der Suizident war.

Prominente Beispiele Robin Williams und Robert Enke

Wissenschaftliche Stichworte wie Imitation, Suggestion, Enthemmung oder Ansteckung erklären diesen Nachahmungseffekt, welcher umso stärker ausfällt, je beliebter der zu Tode Gekommene war und je heroisierender die Tat dargestellt wird.

Forscher an der Mailman School of Public Health der Columbia University dokumentierten eine Zunahme von zehn Prozent der Selbstmorde in den Monaten nach dem Suizid des Schauspielers Robin Williams im Jahr 2014. Auch besonders detaillierte Angaben zu Ort, Hergang und Methode bahnen die Nachahmung. Vor allem Männer zwischen 30 und 44 Jahren wählten, entsprechend der bekanntgegebenen Todesursache von Robin Williams, Ersticken durch Erhängen, diese Form des Freitods.

Wer dies für eine typisch US-amerikanische Reaktion hält, wird eines Besseren belehrt. Auch in Deutschland gibt es nachweislich Zusammenhänge zwischen dem Suizid, der Suizidart, der Berichterstattung und der „Nachahmungsart“. So sei nach der Berichterstattung über Robert Enke die Zahl der Schienensuizide angestiegen, nach Angaben des Leipziger Psychiatrieprofessors Ulrich Hegerl mit vier Mal so vielen Toten unmittelbar nach der Tat.

Die in den 80er Jahren damals „eigentlich eine eher dokumentarisch gehaltene“ Serie von sechs Fernsehausstrahlungen über den „Tod eines Schülers“, löste eine Suizid-Epidemie von gleichaltrigen Schülern (15- bis 19-Jährigen) aus. Die Suizidrate lag um 175 % über dem Durchschnitt. Vor allem die tödlich endende Bahndamm-Szene wurde gleichsam zum Nachahmungs-Albtraum.

Als dieser Sechsteiler trotz der Warnungen von psychiatrischer Seite eineinhalb Jahre später erneut ausgestrahlt wurde, wiederholte sich dieser Nachahmungseffekt. Diesmal stieg die Suizidrate um 115 % an.

Was hat Netflix mit dem Werther-Effekt zu tun?

Die Netflix-Serie „13 Reasons Why“, in Deutschland „Tote Mädchen lügen nicht“, könnte seit Beginn ihrer Ausstrahlung einen Werther-Effekt ausgelöst haben.

Eine Studie in JAMA Internal Medicine (2017; doi: 10.1001/jamainternmed.2017.3333) belegt, dass seit Beginn der Serie in den USA die Google-Anfragen zum Thema Suizid angestiegen sind. Die Serie sorgte für viel Kritik, einige Experten forderten, die Serie abzusetzen, um Nachahmung zu verhindern. Bis dato gibt es derzeit aber keinen Beweis, dass die Ausstrahlung der Netflix-Serie tatsächlich zu einem Anstieg von Suiziden geführt hat. Dennoch fordern Experten, dass sich Netflix an die dementsprechenden WHO-Empfehlungen für Medien zum Umgang mit Suiziden orientiert.

Was können die Medien tun, um den Werther-Effekt möglichst gering zu halten?

Die Psychiater und Psychologen, die sich mit diesem Problem beschäftigt haben, bitten die Journalisten von Presse, Funk und Fernsehen auf folgende suizid-präventiven Aspekte zu achten (nach W. Ziegler und U. Hegerl, 2002):

  • Angaben zur biologischen und sozialen Identität vermeiden: Detaillierte Hinweise über Alter, Geschlecht und Aussehen (Fotos, Bilder) sollten ebenso vermieden werden wie Angaben über soziale Beziehungen, gemütsmäßige Verfassung, Charakter und Leistungsfähigkeit (z. B. schulisches Versagen, Arbeitslosigkeit) des Suizidenten
  • Angaben zu Suizidmethode und Suizidort vermeiden: Dies gilt vor allem für konkrete Informationen über die Suizidmethode, die instruktiv oder gar induzierend sein könnte. Ähnliches gilt für den Suizidort, der auf keinen Fall „mystifiziert“ werden darf: z. B. „Todesbrücke von …“, „das Hochhaus des Grauens“, „an der Biegung des Flusses“, „zwischen … und … bricht den Lokführern schon der Schweiß aus“ u.a.
  • Keine Spekulationen über Ursachen und Bewertungen des Suizides: Diese Empfehlung mag überraschen und vor allem journalistisch einengen, hat aber einen nachvollziehbaren Hintergrund. Nach dem erschütternden Freitod eines Familienmitglieds neigen vor allem Angehörige und Bekannte, Freunde und Nachbarn dazu, den Verstorbenen zu überhöhen. Das kann eine entsprechende Berichterstattung bahnen („er blieb sich selbst treu“, „er starb, wie er lebte“, „Anpassung war nicht seine Sache“ u.a.).

Was sagt Goethe zu diesem Effekt?

„Die Wirkung dieses Büchleins war groß, ja ungeheuer“, notierte Johann Wolfgang von Goethe anlässlich der 1789 erschienenen Neufassung seines Erfolgswerks „Die Leiden des jungen Werthers“. So urteilte damals auch die Mehrzahl der gebildeten Welt unter dem Eindruck zahlreicher junger Suizidenten, die sich – gewandet in blaue Jacke und gelbe Hose – nach dem Vorbild des Romanhelden selber getötet hatten. Der Werther-Effekt war geboren – und bleibt bis heute ein ungelöstes Problem, wenngleich von der Allgemeinheit kaum registriert.

UPDATE 16.07.2019

NETFLIX zensiert umstrittene Selbstmord-Serie

Netflix kommt den Forderungen einiger Experten nach. Diese verlangten von den Machern der Serie, sich an die dementsprechenden WHO-Empfehlungen für Medien zum Umgang mit Suiziden zu orientieren. Viele Kritiker der Serie warnten davor. Der besonders dramatische und veranschaulichte Selbstmord der Schülerin Hannah Baker könnte den sogenannten Werther-Effekt verstärken. Auf Anraten zahlreicher Medienexperten wurde diese Szene nun nachträglich herausgeschnitten und online nicht mehr verfügbar. Netflix begründet dies damit, das Suizidrisiko für besonders schutzbedürftige junge Zuschauer zu minimieren.

 

Sollten Sie selbst das Gefühl haben, dass Sie Hilfe benötigen, kontaktieren Sie bitte umgehend die Telefonseelsorge. Unter der kostenlosen Rufnummer 0800-1110111 oder 0800-1110222 erhalten Sie Hilfe von Beratern, die Ihnen Auswege aus schwierigen Situationen aufzeigen können. Weitere Hilfsangebote gibt es bei der Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention.

 

Quellen:

  • psychosoziale-gesundheit.net
  • www.aerzteblatt.de/nachrichten/89094/Werther-Effekt
  • Stangl, W. (2019). Stichwort: ‚Werther-Effekt‘. Online Lexikon für Psychologie und Pädagogik
  • www.medmix.at
  • www.n-tv.de/leute/Netflix-zensiert-Selbstmord-Serie-article21147907.html?fbclid=IwAR2vcKAVFemd74SoxAluR8hDh1a4NcdoUG61aY_3oJ0sSRy4NN-6k26y2YU

Weitere Informationen zur Ausbildung zum Heilpraktiker für Psychotherapie finden Sie hier:

Dieser Beitrag wurde von Enikö Orbán, Geschäftsbereichsleiterin Fachbereich Psychotherapie der Deutschen Heilpraktikerschule Leipzig, verfasst.

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