Emotionales Essen ‒ wie hängen Gefühle mit dem Essverhalten zusammen: Manchmal essen wir, um zu fühlen oder um gerade nicht zu fühlen. Essen kann Trost sein, Betäubung, Belohnung oder schlicht der Versuch, innere Unruhe zu beruhigen. Oft hat das wenig mit Hunger zu tun, sondern mit alten Mustern, die sich im Körper eingeprägt haben. Emotionales Essen ist kein Versagen, sondern eine Sprache, die wir erst wieder lernen müssen zu verstehen: Die Sprache unserer Gefühle gesprochen über den Körper.
Es gibt Momente, in denen wir essen, ohne wirklich Hunger zu haben. Der Körper greift nach Nahrung, als wolle er etwas stillen, das nicht im Magen sitzt. Emotionales Essen ist keine schlechte Angewohnheit, sondern eine Form innerer Kommunikation. Diese eine leise Botschaft zwischen Körper und Seele, die oft schon früh im Leben entstanden ist.
Der Körper erinnert sich
Essen war von Anfang an mehr als Energiezufuhr. Für ein Neugeborenes bedeutet es Nähe, Wärme und Sicherheit. Das Saugen, das Gehaltenwerden und die Zuwendung ‒ all das speichert sich tief im Körpergedächtnis.
Später, wenn uns Stress, Einsamkeit oder Überforderung treffen, aktiviert sich genau dieses alte Beruhigungssystem. Der Griff zum Essen ist dann kein bewusster Entschluss, sondern eine körperliche Erinnerung ‒ ein Versuch, sich zu beruhigen, weil eigentlich Zuwendung fehlt.
Aus psychodynamischer Sicht spricht der Körper hier stellvertretend für die Psyche. Wenn Gefühle nicht erkannt oder zugelassen werden dürfen, übernimmt er ihre Ausdrucksarbeit. Hunger, Appetit oder Völlegefühl sind dann weniger biologische Signale als emotionale Botschaften.
Zwischen Kopf und Bauch
Moderne Psychologie betont zunehmend die Bedeutung des Körperbewusstseins: die Fähigkeit, körperliche Signale wahrzunehmen und zu deuten. Viele Menschen, die zu emotionalem Essen neigen, haben diesen feinen Kontakt zu sich verloren. Sie spüren Enge, Druck oder Leere – doch der Zugang zur Bedeutung fehlt.
Das hat nichts mit mangelnder Disziplin zu tun, sondern mit einer gestörten Verbindung zwischen Empfinden und Verstehen. Der Körper sendet Signale, die Psyche übersetzt sie falsch. So entsteht der „Hunger nach etwas“, das kein Essen stillen kann.
Der Körper als Kompass
Ein erster Schritt zu Veränderung ist selten der Verzicht. Es ist das Innehalten: Was fühle ich gerade wirklich?
Oft zeigt sich, dass der Körper längst Bescheid weiß. Eine Schwere im Brustkorb, ein Druck im Bauch, ein Kloß im Hals. Dies alles sind Spuren von Emotion, die Aufmerksamkeit suchen. Wenn wir sie wahrnehmen, entsteht ein Moment von Kontakt ‒ zwischen Denken und Fühlen, Kopf und Körper. In diesem Kontakt verliert das Essen seine symbolische Macht. Es wird wieder zu einer Möglichkeit, nicht zur einzigen Lösung.
Zwischen Selbstberuhigung und Selbstkontakt
Psychodynamisch gesehen geht es hier um die Wiederherstellung eines inneren Dialogs. Früher mussten manche Gefühle im Körper verstaut werden, weil sie im Außen keinen Platz fanden. Heute kann genau dieser Körper zum Zugang werden, sie wieder zu hören. Selbstregulation bedeutet nicht, Gefühle zu kontrollieren, sondern sie halten zu können und sich selbst zu beruhigen, so wie man vielleicht früher beruhigt werden wollte.
Dadurch verändert sich auch das Verhältnis zum Essen. Aus dem Drang nach Trost wird die Fähigkeit, sich selbst wahrzunehmen. Der Körper wird nicht mehr bekämpft, sondern befragt. Und manchmal zeigt sich: Unter dem Hunger liegt Trauer. Unter der Trauer Bedürftigkeit. Und darunter steht das Bedürfnis nach Verbindung.
Eine neue Form von Sättigung
In der therapeutischen Arbeit zeigt sich immer wieder: Wenn Menschen lernen, ihren Körper ernst zu nehmen, verändert sich das Essverhalten ganz von selbst. Sättigung wird nicht mehr nur als Magengefühl erlebt, sondern als seelischer Zustand – das Empfinden, genug zu haben, auch innerlich. Das braucht Zeit und Übung, manchmal auch Begleitung. Aber es führt zu etwas, das vielen lange fehlt: innere Ruhe, ohne Ersatz.
Fazit
Emotionales Essen ist kein Zeichen von Schwäche, sondern Ausdruck einer unterbrochenen Verbindung zwischen Gefühl, Körper und Bewusstsein. Wenn wir beginnen, die Sprache unseres Körpers zu verstehen, muss er nicht länger für die Seele sprechen. Dann darf Essen wieder einfach Nahrung sein und der Körper ein Zuhause.
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Dieser Beitrag wurde von Saskia Ewers verfasst. Sie ist Inhaberin und Dozentin der Deutschen Heilpraktikerschule Bochum, zertifizierte Psychologische Beraterin, Kinder-, Jugend- und Familienberaterin, Schematherapeutin und Entspannungspädagogin sowie Pädagogische Fachkraft in der Inklusion.
