Vagusnerv – der Schlüssel zu innerer Ruhe und Selbstregulation: Der Vagusnerv rückt in der Naturheilkunde und Traumatherapie immer stärker in den Fokus. Vielleicht haben Sie schon vom „Ruhenerv“ gehört oder davon, dass man den Vagusnerv stimulieren kann, um Stress abzubauen. Doch was genau verbirgt sich hinter diesem faszinierenden Teil unseres Nervensystems und warum spielt er eine so zentrale Rolle für Ihre körperliche und seelische Gesundheit?
Was ist der Vagusnerv?
Der Vagusnerv ‒ auch Nervus vagus genannt ‒ ist der zehnte Hirnnerv und Teil des vegetativen Nervensystems. Er zieht vom Hirnstamm durch Hals und Brustraum bis in den Bauchraum und versorgt dabei unter anderem Herz, Lunge und Verdauungsorgane.
Er ist der Hauptnerv des Parasympathikus, also jenes Anteils des Nervensystems, der für Regeneration, Verdauung, Erholung und Heilung zuständig ist. Während der Sympathikus Sie in Alarmbereitschaft versetzt („Kampf oder Flucht“), sorgt der Vagusnerv für Entspannung und Sicherheit.
Gerät dieses Gleichgewicht aus der Balance, etwa durch chronischen Stress oder traumatische Erfahrungen, kann der Organismus dauerhaft in einem Zustand erhöhter Anspannung verbleiben. Genau hier setzt die vagusorientierte Arbeit an.
Der Vagusnerv in der Traumatherapie
In der modernen Traumatherapie, insbesondere in körperorientierten Ansätzen wie der Polyvagal-Theorie nach Stephen Porges, wird dem Vagusnerv eine zentrale Rolle zugeschrieben. Die Theorie beschreibt, wie unser Nervensystem permanent bewertet, ob wir uns sicher oder bedroht fühlen. Dies ist ein Prozess, der unbewusst abläuft.
Bei traumatischen Erfahrungen kann es zu einer Fehlregulation kommen. Betroffene erleben dann beispielsweise:
- anhaltende innere Unruhe
- Herzklopfen oder Atembeschwerden
- Verdauungsprobleme
- emotionale Taubheit oder Rückzug
- schnelle Übererregung bei Stress.
Der Vagusnerv wirkt hier wie ein inneres Sicherheitssystem. Ist er gut reguliert, können Sie flexibel zwischen Anspannung und Entspannung wechseln. Ist er blockiert oder geschwächt, bleibt der Körper in Alarm oder Erstarrung. Körpertherapeutische Verfahren zielen daher zunehmend darauf ab, die sogenannte „vagale Regulation“ zu stärken.
Den Vagusnerv aktivieren – praktische Übungen für Ihren Alltag
Die gute Nachricht: Sie können selbst viel dafür tun, Ihren Vagusnerv zu stimulieren und damit Ihre Selbstregulation zu verbessern. Entscheidend ist dabei nicht Leistung, sondern Sanftheit und Regelmäßigkeit.
1. Tiefe Bauchatmung
Atmen Sie langsam durch die Nase ein, sodass sich Ihre Bauchdecke hebt. Verlängern Sie die Ausatmung bewusst. Eine längere Ausatmung aktiviert den Parasympathikus. Schon fünf Minuten täglich können einen spürbaren Unterschied machen.
2. Summen oder Singen
Der Vagusnerv verläuft in Nähe der Stimmbänder. Durch Summen („mmm“) oder Tönen wird er mechanisch stimuliert. Vielleicht integrieren Sie ein paar Minuten Summen in Ihre Morgenroutine.
3. Kalte Reize im Gesicht
Ein kalter Waschlappen im Gesicht oder kurzes Abduschen mit kühlem Wasser kann den sogenannten Tauchreflex aktivieren und vagale Impulse setzen.
4. Sanftes Vorbeugen oder wiegende Bewegungen
Langsame, rhythmische Bewegungen vermitteln dem Nervensystem Sicherheit. Auch achtsames Yoga oder leichtes Schaukeln können regulierend wirken.
Wichtig ist: Wenn Sie traumatische Erfahrungen gemacht haben, gehen Sie behutsam vor. Manche Übungen können anfangs ungewohnt oder intensiv sein. Hier empfiehlt sich die Begleitung durch erfahrene Therapeuten.
Vagusnerv und ganzheitliche Gesundheit
Ein gut regulierter Vagusnerv wirkt sich nicht nur auf Ihre Psyche aus. Auch körperliche Prozesse können profitieren:
- verbesserte Verdauung
- stabilerer Herzrhythmus
- gestärktes Immunsystem
- erholsamerer Schlaf.
In der Naturheilkunde wird daher zunehmend vagusorientiert gearbeitet, wie etwa durch Atemtherapie, Phytotherapie mit beruhigenden Heilpflanzen oder achtsamkeitsbasierte Verfahren. Der Vagusnerv verbindet Körper und Seele auf einzigartige Weise. Er erinnert uns daran, dass Heilung nicht allein über den Verstand geschieht, sondern über das Erleben von Sicherheit im eigenen Körper.
Wenn Sie sich intensiver mit nervensystemorientierten Ansätzen in der Traumatherapie beschäftigen möchten, kann eine fundierte Fachausbildung im Bereich körperorientierter Psychotherapie, wie z. B. Somatic Experiencing, eine wertvolle Vertiefung sein. Dort lernen Sie, Regulationsprozesse gezielt zu begleiten und Menschen nachhaltig in ihre Selbstwirksamkeit zu führen.
Der Vagusnerv ist damit weit mehr als ein anatomisches Detail. Er ist ein zentrales Bindeglied zwischen Stress und Heilung, zwischen Schutz und Vertrauen. Indem Sie lernen, ihn zu verstehen und sanft zu unterstützen, schaffen Sie eine wichtige Grundlage für ganzheitliche Gesundheit.
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Dieser Beitrag wurde von Karin Fode verfasst. Sie ist Inhaberin der Deutschen Heilpraktikerschule Bonn und der Deutschen Heilpraktikerschule Köln.
