Komplett fremdbestimmt ‒ oder gibt es doch noch Handlungsspielraum?

Komplett fremdbestimmt ‒ oder gibt es doch noch Handlungsspielraum?

Komplett fremdbestimmt ‒ oder gibt es doch noch Handlungsspielraum: Bei der Arbeit, in der Familie, durch Politik oder gesellschaftliche Regeln werden wir von außen beeinflusst und eingeschränkt. Manchen Menschen macht das mehr aus, manchen weniger. Zeitdruck, strikte Vorgaben oder auch das ständige Sich-Anpassen an die Erwartungen anderer gehören zu den Ursachen, „die machen das mit Absicht“ könnte dann das Gefühl sein.

Fremdbestimmt ‒ machen die das mit Absicht?

In der Pandemie mussten wir ständig neue Regeln und Gesetze befolgen, ohne dass wir mitbestimmen konnten, ob das alles überhaupt Sinn macht für uns. Viele waren wütend, wollten nur noch raus.

Ein Baby kann eine junge Mutter in eine ganz ähnliche Situation bringen. Alle zwei Stunden hat es Durst und möchte gestillt werden. Es fragt nicht: „Mama, hast du gerade einen Moment Zeit für mich?“ Es will einfach nur versorgt werden, ohne Wenn und Aber. Die meisten Mütter wissen, dass dies nur vorübergehend ist, irgendwann kann es ja selber essen. Aber es gibt auch Frauen, die sich dann komplett erschöpft, aggressiv oder hilflos fühlen. In der Schwangerschaft war doch alles noch so romantisch. „Das hatte ich mir ganz anders vorgestellt“, höre ich dann oft von meinen Patientinnen. Wir brauchen also gute Strategien, um mit Fremdbestimmung (anders) umzugehen.

Wann passiert es eigentlich, dass ich mich fremdbestimmt fühle?

Es bedarf zum Start einer gründlichen Analyse, was genau das Gefühl des Eingeschränkt-Seins herbeiführt.

  • Sind es bestimmte Situationen oder die Anweisungen einer einzigen Person?
  • Wenn nicht, könnten auch die eigenen Erwartungen und Ansprüche zu Fremdbestimmtheit beitragen. Wir schränken uns selbst ein.
  • Ebenso klagen Menschen, die ihre eigenen Gefühle nur schwer selbst regulieren können, häufig über eine Steuerung von außen. Sie geraten schnell in die Emotionen anderer hinein und werden dann mitgerissen.

Die Autonomie, selbst zu entscheiden und zu bestimmen, ist ein psychisches Grundbedürfnis. Geht sie verloren, entstehen Frustration und innerer Widerstand.

Was kann ich tun, um selbstbestimmter zu leben?

Eigene Wirksamkeit trainieren

Das Leben selbst zu gestalten und wieder selbstbestimmt zu werden, setzt voraus, dass man sich über die eigenen Werte und Ziele im Klaren ist. „Ich möchte, dass es allen gut geht“ und „ich brauche eben einfach Harmonie“. Das ist nicht das Eigene und beides wird immer wieder als Rechtfertigung benutzt, nicht in die eigene Verantwortung zu gehen.

Eine wirksame Strategie für Dinge oder Situationen, die man nicht ändern kann, ist radikale Akzeptanz. Sie mindert den Druck. Definieren, dass es trotz allem innere Freiheit für eigene Gedanken gibt, ist genauso nützlich wie Gleichmut oder Pragmatismus. Dies sind eher passiv ausgeübte innere Haltungen.

Aber es gibt auch aktive Werte und Strategien. Mit Flexibilität und Selbstfürsorge kann man kleinere Handlungsspielräume schaffen. Wir können auch den Blickwinkel um ein oder zwei Grad verschieben. Es hilft, um in die emotionale Steuerung zu kommen.

Mikroziele setzen

Herausfinden, was möglich ist und mit ganz kleinen Zielen anfangen. Nicht mit dem 35-Meter-Sprung rechnen, sondern überschaubare, selbst-kontrollierbare Aufgaben definieren. Irgendwo gibt es immer eine Nische, in die der Einfluss von außen nicht hineinreicht. Oder in die wir den Einfluss des Äußeren nicht hineinlassen.

Denn auch das ist wichtig: Nein-Sagen. Manchmal zu Menschen, dann wieder zu etwas, das wir selbst auf die To-Do-Liste geschrieben haben. In einer schwungvollen Handschrift sieht es bestimmt auch ganz toll aus auf der Was-Soll`s-Liste. Plötzlich gibt es doch ein bisschen mehr Zeit, Me-Time oder Handlungsspielraum. Wir beginnen, die eigene Reaktion auf die Fremdbestimmung ganz langsam zu ändern.

Absprachen treffen, Hilfe suchen oder kündigen?

Ein anderer Aspekt davon, fremdbestimmt zu sein, ist das Gefühl der Hilflosigkeit. Ohne Hilfe zu sein, bedeutet ganz allein dazustehen. Ich gegen den Rest ‒ gegen die Welt, die Familie, die Arbeit. Doch es müssen ja nicht alle auf unserer Seite stehen. Schon ein oder zwei Verbündete zu finden, lässt ein kleines Mini-Netzwerk entstehen.

Mit dem Chef sprechen und zeigen, dass man nicht immer nur funktionieren kann, gemeinsam und schrittweise Lösungen finden. Auch der frisch gebackene Papa braucht vielleicht nur eine kurze Pause, wenn er von der Arbeit kommt, und übernimmt danach den kleinen Schatz. Und wenn nur noch die Kündigung eine Alternative zu sein scheint, kann man immer noch vorher bei einem Psychologischen Berater oder Heilpraktiker für Psychotherapie Unterstützung suchen.

Hier finden Sie alle Informationen zu unseren Heilpraktikerausbildungen:

Dr. rer. nat. Bettina Klingner

Dieser Beitrag wurde von Dr. rer. nat. Bettina Klingner verfasst. Sie ist Dozentin für die Ausbildung zum Heilpraktiker für Psychotherapie an der Deutschen Heilpraktikerschule Aschaffenburg.