Im Gespräch mit Prof. Dr. Michaela Axt-Gadermann über den Darm – Teil 2

Im Gespräch mit Prof. Dr. Michaela Axt-Gadermann über den Darm – Teil 2

Lange Zeit galt der Darm als reines Verdauungs- und Durchgangsorgan. Doch zeigen Forschungen, dass er fast alles in unserem Körper beeinflusst. Es gibt nichts, das nicht direkt oder indirekt mit dem Darm und mit dem, was wir ihm täglich zuführen, zusammenhängt. Prof. Dr. Michaela Axt-Gadermann ist Ärztin und Professorin für Gesundheitsförderung an der Hochschule Coburg. Sie erforscht u.a. die vielfältigen Zusammenhänge zwischen Darmbakterien und Gesundheit. Genau darüber hat Körperwelten mit ihr gesprochen. Hier ist Teil 2 des Interviews.

Im Gespräch mit Prof. Dr. Michaela Axt-Gadermann, Expertin für den Darm

Welche Zusammenhänge gibt es zwischen Krebserkrankungen und dem Mikrobiom?

Krebs ist ein komplexes Geschehen. Zahlreiche Einflüsse wie Lebensstil, Erbanlagen und berufliche Schadstoffexposition erhöhen oder senken das Risiko zu erkranken. Nun ist noch ein weiterer Faktor hinzugekommen: Der Einfluss des Mikrobioms. Noch vor 20 Jahren hätten Krebsspezialisten nur müde gelächelt, wenn man probiotische Bakterien zur Wirksamkeitssteigerung der Tumortherapie vorgeschlagen hätte. Inzwischen steht fest: Die Darmflora kann sowohl Entstehung und Ausbreitung einiger Tumore begünstigen oder verhindern als auch aktiv die Heilung von Krebserkrankungen – vor allem zusammen mit den neuen Immuntherapien – unterstützen.

So sind Patienten mit Blutkrebs, in deren Därmen sich besonders viele Bakterien der Art Eubacterium limosum tummeln, besser vor einem Fortschreiten der Erkrankung oder vor Rückfällen geschützt als Leukämiekranke, denen der Keim fehlt. Schädigen wir die Darmflora hingegen, steigt das Risiko für Tumore. Italienische Forscher analysierten 25 Studien, die Daten von insgesamt fast 8 Millionen Patienten umfassten. Das Ergebnis: Antibiotikaeinnahme ist ein unabhängiger Faktor, der das Risiko für die Entstehung einer Krebserkrankung nachweislich steigert. Besonders auffällig waren diese Zusammenhänge bei Lungen-, Bauchspeicheldrüsen-, Brust- und Nierentumoren. Aber auch bei anderen Krebserkrankungen ließen sich Zusammenhänge feststellen. Ob eine Schädigung des Mikrobioms hier ursächlich ist, wurde nicht untersucht. Doch der Verdacht steht im Raum.

Aktuell gibt es gute Belege dafür, dass das Mundschleimhautbakterium Fusobacterium nucleatum das Risiko für Darmkrebs deutlich erhöht und Mundpflege hier möglicherweise eine wirkungsvolle Präventionsmaßnahme sein könnte.

Unsere Darmflora ist in der Lage, Entzündungen zu bremsen und somit der Krebsentstehung vorzubeugen. Darmbakterien aktivieren Abwehrkräfte, fangen krebserregende freie Radikale ab, produzieren schützende Antioxidantien oder Fettsäuren wie Butyrat und fördern den programmierten Zelltod entarteter Zellen. Verändert sich die Darmflora in eine ungünstige Richtung, dann schwächelt auch unser Schutzschild gegen Tumorerkrankungen.

Gesund mit Darm! – Was kann das sensible Gleichgewicht im Darm stören?

Dass Antibiotika die Darmflora schädigen, ist schon länger bekannt und wissenschaftlich erwiesen – man sollte sie deshalb wirklich nur einnehmen, wenn es keine Alternative gibt. Ungünstig wirken sich auch eine ballaststoffarme Ernährung und Fast Food aus, denn diese Nahrungsmittel werden schon im oberen Darmabschnitt resorbiert und gelangen nicht bis zum Dickdarm, wo ein Großteil der Keime sitzt, die über unsere Gesundheit und unser Gefühlsleben entscheiden. Und auch zu viel Hygiene im Haushalt schadet unserer Gesundheit, denn Desinfektionsmittel unterscheiden nicht zwischen nützlichen und schädlichen Bakterien. Unser Körper benötigt die regelmäßige Auseinandersetzung mit Keimen, um das Immunsystem auf Trab zu halten. Durch die aktuell notwendigen Coronamaßnahmen reduzieren wir unsere Keimkontakte. Das ist sinnvoll zum Schutz vor Krankheiten, lässt aber auch das Mikrobiom auf Dauer verarmen. Ich gehe davon aus, dass deshalb in den nächsten Jahren Allergien oder Autoimmunerkrankungen häufiger auftreten, denn unserem Immunsystem fehlen im Moment die „Trainingspartner“ in Form von Darmkeimen oder harmlosen Umweltbakterien.

Ein großes Problem ist Stress, denn Stress und Mikrobiom beeinflussen sich aktuellen Erkenntnissen nach gegenseitig. Stress sorgt dafür, dass die bakterielle Vielfalt zurückgeht. Eine solche Störung der Lebensgemeinschaft im Darm kann wiederum Stresssignale an den Kopf schicken, wodurch Alltagsstress sich schnell zu gefühltem Megastress aufschaukelt.

Mindestens genauso schädlich für das Mikrobiom sind alle Formen der Darmreinigung, die immer noch als „gesund“ propagiert werden.

Warum raten Sie von Darmreinigungen ab?

Noch immer werden Darmreinigungen empfohlen, zum Beispiel Fastenkuren mit Glaubersalz oder als Kolonhydrotherapie oder mit Hilfe von absorbierenden Stoffen wie Zeolith. Die Empfehlungen zur Darmreinigung beruhen auf einem falschen Verständnis der physiologischen Vorgänge im Darm. Unser Darm ist kein Abflussrohr, das immer mal wieder durchgespült werden muss, sondern ein sehr sensibles Ökosystem. Aktuelle Studien haben inzwischen eindrucksvoll gezeigt, dass jede (!) Form der Darmreinigung das Gleichgewicht der Mikroorganismen stört. Vor allem die wichtige Artenvielfalt geht verloren und auch Monate nach einer Darmreinigung war diese nicht wiederhergestellt. Die Auswirkungen einer Darmreinigung auf das Mikrobiom sind vergleichbar mit denen einer mehrwöchigen Antibiotikabehandlung. Nach einer Darmreinigung nimmt die Zahl der Bakterien, die Entzündungen und Übergewicht fördern, zu, die Zahl der nützlichen Bakterien ist lange Zeit stark dezimiert.

Der einzige Grund, dennoch eine Darmreinigung zu machen, ist die Vorbereitung zu einer Darmspiegelung. Danach ist es aber wichtig, die Darmflora wieder aufzubauen. Dazu benötigen wir präbiotische Ballaststoffe, also Ballaststoffe, die wir mit der Nahrung oder Nahrungsergänzungsmitteln zuführen können und die unseren Bakterien als „Futter“ zur Verfügung stehen. Und zusätzlich sollten wir nützliche Bakterien zuführen, entweder auch gezielt mit Hilfe von Präparaten oder durch fermentierte Milch- bzw. Non-Milk-Produkte wie Joghurt, Kefir oder Buttermilch.

Wie bleibt mein Mikrobiom gesund?

Ein wichtiges Kriterium für ein gesundes Mikrobiom ist Vielfalt. Um diese Vielfalt, diesen Artenreichtum im Darm zu erzielen, muss man zunächst mal vielfältig essen. Jede einseitige Ernährung führt auch zu einem eintönigen Mikrobiom.

Um das Wachstum der günstigen Bakterien zu fördern und die Darmbarriere zu stärken, sollte man regelmäßig präbiotikareiche Nahrungsmittel zu sich nehmen. Unter Präbiotika versteht man Ballaststoffe, die von den Verdauungsenzymen im oberen Magen-Darm-Trakt nicht aufgespalten werden können. Deshalb gelangen sie weitgehend unverändert bis in den Dickdarm. Hier befindet sich der größte Teil der Darmflora und diese Keime benötigen präbiotische Ballaststoffe, um sich zu entwickeln und bestimmte, für den Menschen wichtige Metaboliten zu produzieren wie zum Beispiel die kurzkettigen Fettsäuren Butyrat und Propionat.

Präbiotika sind z.B. enthalten in Haferflocken, Lauch, Knoblauch, Zwiebeln, Schwarzwurzel, Topinambur oder Spargel. Doch auch dunkle Schokolade, Kaffee, grüner und schwarzer Tee und ab und zu ein Gläschen Rotwein fördern die Darmflora. Interessant sind auch die günstigen Effekte, die der regelmäßige Genuss von Mandeln auf das Mikrobiom hat. Das konnte in mehreren Studien gezeigt werden. Vor allem die nützlichen Bifidobakterien und Milchsäurebakterien profitieren von der Knabberei. Krankmachende Keime wie spezielle Clostridien wurden hingegen durch regelmäßigen Mandelkonsum in ihrem Wachstum gehemmt.

Daneben empfiehlt es sich, häufiger vergorene Lebensmittel wie Sauerkraut, Kefir oder Joghurt zu sich nehmen. Diese Nahrungsmittel liefern darmfreundliche Milchsäurebakterien.

Um die Effekte zu verstärken, kann man noch ein so genanntes Synbiotikum einsetzen. Diese Präparate enthalten günstige Darmkeime (Milchsäurebakterien, Bifidobakterien) in hoher Konzentration sowie Präbiotika.

Doch man kann seinem Darm noch mehr Gutes tun. Interessant sind die Zusammenhänge zwischen einer guten Vitamin D-Versorgung und einem gesunden Mikrobiom. Offensichtlich werden viele Effekte von Vitamin D über seine Wirkung auf das Darmmikrobiom vermittelt. In einer Studie aus Katar erhielten 80 ansonsten gesunden Frauen mit einem nachgewiesenen Mangel an Vitamin D drei Monate lang ein hochdosiertes Präparat. Vitamin-D-Spiegel und Darmflora wurden vor und nach der zwölfwöchigen Vitamin-D-Substitution untersucht – mit erstaunlichen Ergebnissen: Die Vitamin-D-Gabe erhöhte die wichtige bakterielle Vielfalt des Darms deutlich. Insbesondere verbesserte sich das Verhältnis zwischen den Bakterienstämmen Firmicutes und Bacteroidetes. Eine große Anzahl Firmicutes und wenige Bacteroidetes werden mit Übergewicht, Diabetes und anderen Erkrankungen in Verbindung gebracht. Verändert sich das Verhältnis in Richtung schlank machender Bacteroidetes, dann wird dadurch auch die Darmbarriere gestärkt und Entzündungen gehen zurück. Die Studie zeigt, dass ein ausreichend hoher Vitamin-D-Spiegel das Verhältnis dieser beiden Bakterien verbessert und insgesamt die Darmgesundheit stärkt. Gleichzeitig nahm auch die Zahl anderer gesundheitsfördernder Bakterien wie Akkermansia muciniphilia und Bifidobakterien zu.

Das alles zeigt, wie wichtig es ist, gut auf unser Mikrobiom aufzupassen, denn es beschützt uns ein Leben lang.

Wie lang ein Darm ist und wie dieser in uns aussieht, erfahren interessierte Besucher in den Ausstellungen der KÖRPERWELTEN.

Hier finden Sie den ersten Teil des Interviews.

 

Dieser Gastbeitrag wurde von Körperwelten verfasst.

Kommentar verfassen

Ihre E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.