Sind Heilpraktiker*innen systemrelevant oder doch nur Wellness und Luxus? – Ein Kommentar

Sind Heilpraktiker*innen systemrelevant oder doch nur Wellness und Luxus? – Ein Kommentar

Bereits im vergangenen Jahr 2020 startete die Diskussion, ob Heilpraktiker*innen systemrelevant sind. Verschiedene Gesundheitsministerien veranlassten die Schließungen zahlreicher Praxen. Es gab daraufhin Protest seitens der Berufsverbände mit dem Ergebnis der abschließenden Aufklärung: Der entsprechende rechtliche Passus sei als Aufzählung unter Nennung von Beispielen zu verstehen und nicht als geschlossene Aufzählung der Heilberufe.

Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe äußerte dazu: „Die in den Quellen enthaltenen Listen von Infrastrukturbereichen oder Berufsfeldern werden in der Regel als nicht abschließend bezeichnet („insbesondere, „unter anderem“ o. ä.). Im Zweifelsfall bitte mit den zuständigen Behörden in Ländern (und ggf. auch Kommunen) in Kontakt treten“. Dies bedeutet im Klartext: Ja, Heilpraktiker*innen gehören zu den Gesundheitsberufen und sind systemrelevant. Behandelt werden darf allerdings nur, was krankheitsbedingt behandlungsbedürftig ist. Psychologische Beratungen oder Coaching gehören nicht zu den Gesundheitsberufen.

Als Angehörige des Gesundheitssystems mit über 45 Millionen jährlichen Patientenkontakten (Quelle: BDH, 28.11.2017) musste man somit regional teils erkämpfen, praktizieren zu dürfen. Das wundert vielleicht nicht, angesichts der polemischen, medialen Berichterstattung, mit der Heilpraktiker*innen in der jüngeren Vergangenheit konfrontiert waren. Und dennoch erwiesen sich Schließungen als haltlos: Heilpraktiker*innen sind ein fester Teil unseres Gesundheitssystems und erfahren seit vielen Monaten einen wachsenden Zulauf an Klient*innen, denen die Coronapandemie psychisch und in der Folge auch oft körperlich zusetzt.

Sind Heilpraktiker*innen systemrelevant?

Die Frage nach der Systemrelevanz ist im Grund recht einfach zu beantworten: Wenn eine Berufsgruppe für ein System nicht relevant ist, was geschieht beim Wegfall derselbigen? Die klare Antwort auf diese Frage bei einer Berufsgruppe, die nicht systemrelevant ist, müsste lauten: Nichts.

Würden die rund 47.000 Heilpraktiker*innen in Deutschland nicht mehr praktizieren, dann würde jedoch eine Menge mehr als – nichts –passieren: Allein die große Gruppe der Klient*innen, die mit chronischen Schmerzen eine*n Heilpraktiker*in aufsuchen, wäre allein mit ihren Beschwerden. Oftmals sind sie bereits lange Zeit in medizinischer Behandlung gewesen und gelten als austherapiert. Sie erhalten Unterstützung und erfahren Linderung, können sich mitteilen und Gehör finden – oftmals bei ihrem*r Heilpraktiker*in. Menschen mit psychischen Leiden und Beschwerden – und diese Gruppe wuchs während der Pandemie nachweislich an – suchen schnelle Hilfe und möchten verständlicherweise nicht lange auf einen Termin warten. Bereits im August 2020 verzeichneten Krankenkassen einen deutlichen Anstieg von Krankmeldungen wegen psychischer Leiden (Quelle: KKH Krankenkasse, 3.8. 2020). Im September 2020 konnte man in „Der Tagesspiegel“ lesen, wie die seelischen Folgen der Pandemie besonders Frauen, jüngere Menschen und jene Personen mit Vorbelastungen besonders intensiv treffen.

Diese Personengruppen profitieren während der Krisensituation natürlich besonders von der therapeutischen Unterstützung. Sie können ihre Sorgen und Leiden schildern, finden ein geschultes Ohr und können alltagsnahe Hinweise erhalten, um die Krise aktiv für gestalten zu können, statt sie nur passiv zu erdulden. Lösungswege zu finden, naturheilkundlich unterstützt zu werden und seine Gefühle auf konstruktive Weise auszudrücken – dieser ganzheitliche Ansatz ist meines Erachtens nach durchaus systemrelevant. Heilpraktiker-Klient*innen sagen oftmals etwas wie: „Endlich nahm sich jemand Zeit für mich“ oder „Ich dachte, niemand könne mir mehr helfen, bis ich ein*e Heilpraktiker*in aufsuchte“ – Sätze wie diese zeigen deutlich den Wunsch der Betroffenen nach der Unterstützung durch Heilpraktiker*innen – ganz gleich welcher Spezialisierung.

Es gibt kaum Fälle nachweislich schädigender Behandlungen durch diese Berufsgruppe, auch wenn es in den Medien oftmals anders dargestellt wird. Man sieht dies u.a. an den geringen Beiträgen der Berufshaftpflichtversicherungen – gäbe es viele Schadensfälle, so wären die Beiträge bedeutend höher. Einer gesunden Behandlung steht somit nichts im Wege.

Darüber hinaus: Nicht nur in Krisensituationen ist ein inklusiver, selbstreflektierend-aktivierender und ganzheitlicher Ansatz wertvoll für die Gemeinschaft (also: für unser System), sondern im Grunde immer. Menschen mit besonderen Belastungen sollten immer die Freiheit haben, sich ihre Unterstützer*innen auszusuchen. Hierbei ist durchaus ein Ansatz lösungsorientiert, der interdisziplinär vorgeht: Medizinische Hilfe, therapeutische Unterstützung und naturheilkundliche Verfahren können gemeinsam jedem Menschen zugutekommen.

 

Dieser Kommentar wurde von Saskia Epler verfasst. Sie ist Dozentin an der Deutschen Heilpraktikerschule Mülheim / Ruhr, Heilpraktikerin für Psychotherapie, zertifizierte Schematherapeutin, zertifizierte psychologische Beraterin, examinierte Familienpflegerin und familienbiografischer Coach.

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