Wie das Bodynamic-System körperorientierte Psychotherapie neu denkt: Körperorientierte Psychotherapie hat eine lange Tradition – und doch hat sie sich in den vergangenen Jahrzehnten deutlich weiterentwickelt. Besonders das Bodynamic-System gilt heute als einer der innovativsten Ansätze, weil es klassische Konzepte hinterfragt, erweitert und in ein umfassenderes Verständnis von Körper, Psyche und Entwicklung integriert. Dieser Beitrag beleuchtet die zentralen Unterschiede zu früheren körperorientierten Modellen und zeigt, warum Bodynamic so einzigartig ist.
Die Grenzen des Panzerungskonzepts
Frühere körperorientierte Psychotherapien, insbesondere die von Wilhelm Reich (1897–1957) beeinflussten Ansätze, arbeiteten vor allem mit dem Konzept der „Panzerung“ oder Rigidität. Der Körper galt dabei als Ausdruck unterdrückter Emotionen, die in der Muskulatur festgehalten und durch therapeutische Arbeit gelöst werden sollten.
Doch in der praktischen Anwendung zeigte sich ein Problem: Klienten, die sich ausschließlich auf das Lösen ihrer „Panzerung“ konzentrierten, erlebten häufig Regressionen und Einbußen in ihrer Alltagsfunktionalität. Mit anderen Worten: Das Auflösen von Spannung führte nicht automatisch zu mehr Handlungskraft oder Stabilität – manchmal sogar zum Gegenteil.
Diese Beobachtung war ein zentraler Auslöser dafür, dass die Pioniere des Bodynamic-Systems das bestehende Modell kritisch hinterfragten und die zugrunde liegenden Annahmen neu untersuchten.
Die Entdeckung hypertoner, hypotoner und neutraler Muskelantworten
Im Bodynamic-System wurden Muskelmuster systematisch und detailliert untersucht. Dabei entstand ein vollkommen neues Verständnis der Muskulatur als Ausdruck entwicklungsbezogener psychosozialer Kompetenzen. Statt nur zwischen „verspannt“ und „gelöst“ zu unterscheiden, identifizierte das Team drei zentrale Muskelantworten:
- hyperton – übermäßig angespannt, kompensatorisch, schützend
- hypoton – unterspannt, zurückgezogen, resignativ
- neutral – flexibel, funktional und frei wählbar.
Diese Differenzierung war revolutionär. Frühere Ansätze kannten zwar hypertonen Körperausdruck, doch die Idee hypotoner Resignation wurde kaum berücksichtigt. Das Bodynamic-Team war eines der ersten, das diese Muskeldynamik nicht nur benannte, sondern therapeutisch nutzbar machte.
In diesem Zusammenhang entstand der Begriff des Resourcierens: Hypotone Muskeln werden nicht gelöst, sondern unterstützt, sodass sie wachsen und ihre natürliche Kraft wiederfinden. Erst wenn das System stabiler wird, können auch hypertone Muskeln entspannen und zu einem gesunden Tonus zurückkehren. Dieser integrative Ansatz fördert Balance statt Auflösung um jeden Preis.
Integration statt Fragmentierung
Ein weiterer Unterschied zur klassischen reichianischen Arbeit liegt im therapeutischen Ziel. Während frühere Methoden häufig stark auf das Lösen von Blockaden fokussierten, rückt Bodynamic Integration in den Mittelpunkt. Das bedeutet:
- Der Körper wird nicht als etwas betrachtet, das „durchbrochen“ werden muss, sondern als etwas, das verfeinert, gestärkt und balanciert werden kann.
- Anstelle von Regression fördert die Methode Stabilität, Kontaktfähigkeit und Selbstregulation.
- Die drei Muskelantworten werden nicht als Probleme verstanden, sondern als Informationen über genau jene Fähigkeiten, die ein Mensch in seiner Entwicklung gelernt, überlebt oder nicht vollständig integriert hat.
Besonders bemerkenswert ist, dass das Bodynamic-System als eines der wenigen Modelle ein konzeptuell ausgearbeitetes Verständnis neutraler Muskelantworten bietet. Diese neutralen Zustände sind der Inbegriff funktionaler Handlungsmöglichkeiten – und entscheidend für psychische Flexibilität.
Ein neuer Blick auf Körper, Psyche und Entwicklung
Das Bodynamic-System erweitert nicht nur die Körperpsychotherapie, sondern verbindet Aspekte aus Entwicklungspsychologie, Bindungsforschung und Neurobiologie. Diese Verbindung führt zu einem differenzierten therapeutischen Vorgehen, das auf Kompetenzentwicklung, Beziehungsfähigkeit und Selbstwirksamkeit ausgerichtet ist.
Zusammengefasst bietet der Ansatz:
- eine breitere und differenziertere Sicht auf Muskulatur und psychische Entwicklung,
- ein tieferes Verständnis für Kompensation, Resignation und funktionale Stabilität,
- klare Schritte zur Wiederherstellung von Körperkompetenzen und Selbstkontakt
- sowie ein integratives, statt fragmentierendes therapeutisches Vorgehen.
Damit gehört das Bodynamic-System heute zu den modernsten körperorientierten Therapierichtungen – und stellt eine echte Weiterentwicklung gegenüber klassisch-reichianischen Modellen dar.
Quelle:
- Bodynamic Institute (Fachmaterialien)
- Wilhelm Reich: Konzepte der Charakter- und Muskelpanzerung
- Entwicklungspsychologische Grundlagen der Körperpsychotherapie (versch. Autoren)
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Dieser Beitrag wurde von Hilde Sander verfasst. Sie ist Heilpraktikerin in eigener Praxis in Polch (bei Mayen/Koblenz) und spezialisiert auf körperorientierte Psycho-Traumatherapie.
