Nebenwirkungen in der Psychotherapie ‒ was Patienten und Therapeuten wissen sollten

Nebenwirkungen in der Psychotherapie ‒ was Patienten und Therapeuten wissen sollten

Nebenwirkungen der Psychotherapie ‒ was Patienten und Therapeuten wissen sollten: Mit Psychotherapie verbinden wir meist einen positiven Prozess der Veränderung, in dem schmerzhafte Erfahrungen verarbeitet, alte Verhaltensweisen überwunden und neue Perspektiven geschaffen werden können. Psychotherapie ist somit ein erfolgversprechender Weg, seelische Leiden, psychische und psychosomatische Erkrankungen durch Gespräche und bewährte Methoden zu behandeln, damit die Lebensqualität wieder steigt.

Bei Nebenwirkungen denken wir dagegen wohl eher an den Beipackzettel eines Medikaments – so dass vielen Menschen, die sich für eine Psychotherapie entscheiden, weniger bekannt ist, dass eine Therapie auch Risiken und unerwünschte Wirkungen mit sich bringen kann. So führen bis zu 30 Prozent der Behandlungen zu einer vorübergehenden Verschlechterung der Symptomatik oder gar zu negativen Auswirkungen.

Um welche Nebenwirkungen in der Psychotherapie handelt es sich?

Nebenwirkungen wurden lange Zeit zu selten betrachtet. Eine aktuelle Studie des Uniklinikums Jena beschäftigte sich genauer mit dem Thema und kam zu folgendem Ergebnis: Bei mehr als jeder zehnten Therapie können Nebenwirkungen auftreten. Schwere Nebenwirkungen wie akute Krisen und suizidale Gedanken sind jedoch deutlich seltener.

Bestehende Symptome können sich gerade zu Anfang verschlechtern, neue Symptome hinzutreten und soziale Beziehungen in Privatleben und Beruf verändern.

Nebenwirkungen als Zeichen, dass die Therapie greift

Psychotherapie ist kein Wunschprogramm, durch das es keine Probleme mehr gibt. Psychotherapie heißt, sich mit Belastungen, Erfahrungen oder Traumata auseinanderzusetzen, um sich selbst, die eigenen Gefühle und Ressourcen besser kennenzulernen. Oft macht erst das Aufbrechen alter verdrängter Gefühle, was für den Moment sehr schmerzhaft sein kann, den Weg für eine neue selbstwirksame Perspektive und ein neues selbstbestimmtes Lebensgefühl frei. Diese kathartischen Momente empfinden viele Patienten oft als „Rückfall“ in alte Denk- und Fühlweisen, so dass es der vermehrten emotionalen Unterstützung des Therapeuten als sichere Basis bedarf. Hier sind also Nebenwirkungen Bestandteil einer Therapie – ein Zeichen, dass die Therapie greift und ein innerer Reifungsprozess durchlebt wird. Die bewusste Konfrontation mit Ängsten und Schmerz ist eingeplant und wird vom Therapeuten bewusst „gehalten“.

Kommt es am Anfang einer Therapie zu einem „zu viel wollen“, kann es sich um einen zu großen Veränderungsoptimismus handeln. Entscheidungen werden dann oft zu spontan getroffen, ohne die möglichen Folgen zu übersehen.

Veränderungen im Innen und Außen, die auf den ersten Blick als negative Nebenwirkungen erscheinen, resultieren oft daraus, dass Patienten mit mehr Selbstbewusstsein, weniger Angepasstheit und neuen Bewältigungsstrategien vorgehen und Lebensbewährung zeigen.

Doch aufgepasst: Nicht jede Entwicklung während der Therapiezeit ist eine Nebenwirkung der Therapie. Hier spielen auch allgemeine Lebensumstände eine Rolle ‒ und dies ist auseinanderzuhalten.

Gibt es häufige Nebenwirkungen in einer Psychotherapie?

Dazu eine Checkliste:

  • Problemöffnung: Es kommt zu einer Verstärkung von Problemen und Stress sowie zu einer Ausweitung von Ängsten. Die Therapiesitzungen wirken nach, das Nervensystem muss dies verarbeiten ‒ und das braucht Zeit.
  • Belastende Erinnerungen: Alte und belastende Erinnerungen und Gefühle treten wieder auf. Das kostet Kraft und wühlt auf.
  • Erschöpfung und Überforderung: Die eigene Wahrnehmung verändert sich. Erkennen kann herausfordern und ist anstrengend. Das führt oft zu einem Gefühl, dass der Akku kurzfristig leer ist.
  • Soziale Spannungen: Konflikte in Partnerschaften, in der Familie oder im Freundeskreis brechen durch die eigene Veränderung auf.
  • Berufliche Probleme: Hier kann es zu Leistungseinbrüchen kommen, da sich intensiv mit eigenen inneren Prozessen beschäftigt wird.

Therapeutische Fehler im Therapieverlauf

Zu den Ursachen von Nebenwirkungen in der Psychotherapie gehören jedoch auch eindeutige therapeutische Fehler und Grenzverletzungen. Dies bestätigt auch die Studie der Jenaer Forschungsgruppe.

Dabei handelt es sich oft um:

  • ein gestörtes Vertrauensverhältnis,
  • falsche Diagnosen,
  • die Wahl der falschen Therapiemethode
  • oder auch ein unpassendes Therapieende, das Patienten nur schwer verarbeiten können.

Beispiele sind, wenn eine Psychotherapie durch Therapeuten abgebrochen oder zu früh beendet wird. Oder wenn die therapeutische Beziehung nicht mehr stimmt und die Therapie trotz allem weitergeführt wird. Auch kann die Symptomatik einfach unterschätzt werden, so dass die Therapiemethode zu kurz greift.

Nebenwirkungen können auch durch ein grobes therapeutisches Fehlverhalten entstehen. Hierzu zählen:

  • sexueller Missbrauch,
  • aber auch das Erschaffen emotionaler Abhängigkeiten zur eigenen Vorteilsnahme.

Wenn Hilfe zur Selbsthilfe nicht gelingt, kann dies zu übermäßigen Abhängigkeitsgefühlen zum Therapeuten führen. Persönliche Entscheidungen trifft dann der Patient nicht mehr für sich, sondern stets in Absprache mit „seinem“ Therapeuten. Beim Patienten kommt dann oft das Gefühl auf, von Termin zu Termin zu leben, das durch zu häufige Sitzungen noch verstärkt wird. Es ist Aufgabe des Therapeuten, in einem solchen Fall sinnvoll und wohlwollend gegenzusteuern.

Wie können sich Nebenwirkungen in der Psychotherapie reduzieren?

In der Regel wird eine Psychotherapie bei hoher Belastung und emotionalem Druck aufgesucht. Therapeuten werden oft zu „Rettungsankern“ und Autoritäten in seelischen Fragen. Diese Beziehung führt ein gewisses Machtgefälle mit sich. Patienten brauchen die Gewissheit, sicher und vertrauensvoll aufgehoben zu sein. Um professionell zu bleiben, ist es für Therapeuten deshalb wichtig, regelmäßig Supervisionen oder Intervisionen zu durchlaufen.

Auch in der Psychotherapie gilt das Grundprinzip „nicht schaden“

Eine therapeutische Maßnahme darf niemals mehr Schaden anrichten als Nutzen zu bringen. Ein klarer Blick von Therapeuten auf das, was Therapie vermag und eine transparente Aufklärung über das, was den therapeutischen Prozess ausmacht, ist wichtig. Dies kann bereits im Behandlungsvertrag, im Aufklärungsgespräch und in einer der ersten Therapiestunden geschehen, ohne den Patienten zu überfordern oder dessen Situation gar „schwarzzumalen“. Patientenaufklärung ist ein transparenter und kontinuierlicher Prozess, denn viele Informationen sind am Anfang noch nicht verfügbar.

Wichtig ist, dass eine konstruktive Atmosphäre in der Therapeuten-Patienten-Beziehung geschaffen wird. Die Chemie darf stimmen. Gefühle von Belastungen, Unstimmigkeiten in der Therapie, Motivationsverlust oder gar Stagnation im Therapieprozess sollten angesprochen werden – von beiden Seiten. Wenn es Patienten nicht vermögen, ist es umso wichtiger, dass es Therapeuten zum Wohle ihrer Patienten offen und kritikfähig tun.

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Andrea Maskow

Dieser Beitrag wurde von Andrea Maskow verfasst. Sie ist Inhaberin der Deutschen Heilpraktikerschule Wiesbaden.