Wingwave-Methode ‒ wenn der Kopf längst weiter ist, aber das Gefühl noch festhängt: Manche Situationen liegen längst hinter uns und trotzdem fühlen sie sich noch erstaunlich präsent an. Ein unangenehmes Gespräch, eine Prüfung, ein Konflikt oder ein Moment, in dem wir uns überfordert, bloßgestellt oder klein gefühlt haben.
Rational wissen wir vielleicht längst, dass die Situation vorbei ist. Trotzdem reicht manchmal ein Gedanke, ein bestimmter Satz oder eine ähnliche Situation aus und plötzlich ist dieses Gefühl wieder da. Anspannung, Unruhe, Herzklopfen, Ärger oder dieses typische Ziehen im Bauch, das sich nur schwer in Worte fassen lässt. Genau in solchen emotionalen Stressreaktionen kann die Wingwave-Methode ansetzen.
Wenn Verstehen allein nicht ausreicht
Wir Menschen versuchen vieles über unseren Verstand zu lösen. Wir analysieren Situationen, sprechen darüber, ordnen sie ein und versuchen zu verstehen, warum wir auf bestimmte Dinge so reagieren, wie wir reagieren. Das kann sehr hilfreich sein.
Trotzdem kennen viele wahrscheinlich das Gefühl, dass der Kopf etwas längst verstanden hat, der Körper aber scheinbar noch nicht mitgekommen ist. Vielleicht weiß ich eigentlich, dass ich keine Angst haben müsste. Trotzdem schlägt mein Herz schneller. Eventuell weiß ich, dass ein bestimmter Konflikt längst vorbei ist. Trotzdem werde ich unruhig, sobald ich daran denke. Oder ich weiß ganz genau, dass mir eine Person heute nichts mehr tun kann und merke trotzdem, wie Ärger, Unsicherheit oder Anspannung hochkommen.
Das zeigt, dass emotionale Verarbeitung nicht ausschließlich auf der bewussten und rationalen Ebene stattfindet. Wir können etwas längst verstanden haben und trotzdem emotional noch darauf reagieren.
Was ist die Wingwave-Methode?
Wingwave ist eine Coaching-Methode, die eingesetzt wird, um emotionale Belastungen und Stressreaktionen gezielt zu bearbeiten. Dabei werden verschiedene Elemente miteinander kombiniert.
Besonders bekannt ist die Arbeit mit schnellen Augenbewegungen beziehungsweise bilateraler Stimulation. Dabei folgt die Klientin oder der Klient beispielsweise mit den Augen den Bewegungen der Hand des Coaches.
Ergänzend wird im Wingwave häufig ein Muskelreaktionstest genutzt, um belastende Themen oder mögliche Auslöser genauer einzugrenzen. Im Mittelpunkt steht also nicht nur die Frage, was passiert ist, sondern auch, welche emotionale Reaktion heute noch mit dieser Situation verbunden ist.
Warum reagieren wir manchmal so stark?
Manchmal scheint eine Reaktion auf den ersten Blick gar nicht zu der aktuellen Situation zu passen. Nehmen wir das Beispiel eines Vortrags. Eine Person ist fachlich gut vorbereitet, kennt ihr Thema und weiß eigentlich genau, was sie sagen möchte. Trotzdem entsteht bereits Tage vorher Nervosität. Das Herz schlägt schneller, der Schlaf wird schlechter und allein der Gedanke daran, vor anderen Menschen zu sprechen, löst Stress aus. Vielleicht gab es Jahre zuvor eine Situation, in der diese Person ausgelacht, stark kritisiert oder bloßgestellt wurde. Die heutige Situation ist eine völlig andere. Trotzdem kann sich das alte Gefühl wieder melden. Plötzlich fühlt sich ein Vortrag nicht mehr nur wie ein Vortrag an, sondern wie etwas, das vermieden werden sollte. Unser emotionales System reagiert dabei häufig schneller als unser bewusster Verstand.
Der Körper reagiert manchmal schneller als der Kopf
Ein bestimmter Tonfall, ein Gesichtsausdruck, ein Satz oder sogar ein Geruch kann ausreichen, um eine Stressreaktion auszulösen. Dabei muss uns nicht immer bewusst sein, warum wir gerade so reagieren.
Das bedeutet auch nicht automatisch, dass hinter jeder intensiven Reaktion ein großes traumatisches Erlebnis stehen muss. Manchmal können auch kleinere Situationen emotional sehr prägend sein. Vielleicht war ein Erlebnis objektiv betrachtet gar nicht besonders dramatisch. Für die Person selbst kann es sich in diesem Moment jedoch sehr intensiv angefühlt haben. Und genau diese emotionale Bewertung spielt eine wichtige Rolle.
Was passiert während einer Wingwave-Sitzung?
Am Anfang steht in der Regel ein konkretes Thema. Das kann zum Beispiel Prüfungsangst, Lampenfieber, eine belastende Erinnerung, ein Konflikt oder eine bestimmte Stressreaktion sein. Anschließend wird versucht, den emotionalen Auslöser genauer zu erfassen. Denn manchmal liegt das eigentliche Thema nicht dort, wo wir es zunächst vermuten. Vielleicht ist es gar nicht die Prüfung selbst, die Angst auslöst, sondern die Vorstellung zu versagen. Vielleicht steckt dahinter die Sorge, andere Menschen zu enttäuschen. Oder es gibt eine frühere Erfahrung, in der genau dieses Gefühl schon einmal sehr stark vorhanden war. Im weiteren Verlauf wird dann an diesem emotionalen Stresspunkt gearbeitet.
Wingwave ist kein Gedankenlöscher
Dieser Punkt ist besonders wichtig. Bei Wingwave geht es nicht darum, Erinnerungen zu löschen oder ein schwieriges Erlebnis plötzlich unwichtig zu machen. Eine belastende Erfahrung bleibt Teil der eigenen Geschichte.
Was sich verändern kann, ist die Intensität der emotionalen Reaktion darauf. Vielleicht kann eine Person später an die Situation denken, ohne dass der Körper sofort wieder mit starker Anspannung reagiert. Die Erinnerung ist weiterhin da, aber sie löst möglicherweise nicht mehr dieselbe innere Alarmreaktion aus. Und genau darin kann eine wichtige Veränderung liegen.
Nicht jedes Problem braucht dieselbe Methode
Keine psychologische oder beratende Methode funktioniert für jeden Menschen und jedes Thema gleichermaßen. Menschen sind unterschiedlich. Erfahrungen sind unterschiedlich und auch die Ursachen emotionaler Belastungen können sehr verschieden sein.
Wingwave kann eine interessante Methode im Coaching sein, insbesondere wenn konkrete Stressreaktionen, belastende Situationen oder emotionale Blockaden im Vordergrund stehen. Gleichzeitig ist es wichtig, die Grenzen einer Coaching-Methode zu kennen. Bei psychischen Erkrankungen oder stark ausgeprägten Beschwerden ersetzt Coaching keine fachgerechte psychotherapeutische oder medizinische Behandlung. Professionelle Begleitung bedeutet deshalb auch immer, einschätzen zu können, welche Unterstützung für eine Person tatsächlich passend ist.
Wenn der Kopf längst weiter ist
Wir versuchen häufig, unsere Gefühle zu verstehen. Warum:
- reagiere ich so?
- beschäftigt mich diese Situation immer noch?
- kann ich das nicht einfach abhaken?
Diese Fragen können sehr hilfreich sein. Manchmal kennen wir die Antwort aber längst. Wir wissen, was passiert ist. Wir können die Situation erklären und vielleicht sogar genau benennen, warum sie uns belastet hat. Und trotzdem reagiert etwas in uns weiterhin.
Eventuell geht es dann nicht darum, die Situation noch einmal und noch einmal zu analysieren. Vielleicht braucht unser emotionales System einfach etwas anderes als eine weitere Erklärung. Denn manchmal ist der Kopf längst weiter. Das Gefühl aber noch nicht.
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