Gemeine Nachtkerze – Heilpflanze des Jahres 2026: Wenn sich an warmen Sommerabenden die großen, leuchtend gelben Blüten der Gemeinen Nachtkerze (Oenothera biennis) öffnen, wirkt es fast wie ein kleines Naturschauspiel. Ursprünglich stammt diese eindrucksvolle Pflanze aus Nordamerika.
Die bis zu zwei Meter hohe Nachtkerze ist anspruchslos und anpassungsfähig. Sie bevorzugt sonnige Standorte sowie sandige bis lehmige, eher nährstoffarme Böden. Gerade diese Robustheit trug dazu bei, dass sie sich nach ihrer Einführung in Europa im 17. Jahrhundert rasch ausbreitete. Heute gilt sie als fest eingebürgerte Wildpflanze und ist an Wegrändern, Böschungen, Bahndämmen und auf Brachflächen weit verbreitet.
Geschichte der Gemeinen Nachtkerze
In ihrer nordamerikanischen Heimat war die Nachtkerze weit mehr als eine hübsche Wildpflanze. Zahlreiche indigene Völker nutzten sie seit Jahrhunderten als Nahrungs- und Heilpflanze.
- Die fleischige Wurzel wurde gekocht oder geröstet verzehrt.
- Blätter und Samen wurden zu einem Brei verarbeitet und fanden Verwendung bei Wunden, Hautentzündungen und Prellungen.
- Auch bei Magen-Darm-Beschwerden und Atemwegserkrankungen wurde sie geschätzt.
Aufgrund ihrer vielseitigen Nutzung trug die Pflanze mancherorts den Namen „Königskerze der Prärie“.
Mit den europäischen Siedlern gelangte die Nachtkerze nach Europa. Zunächst wurde sie vor allem als Zierpflanze kultiviert, später auch als Gemüse – die Wurzel galt als schmackhaft und nahrhaft. Erst im Laufe des 20. Jahrhunderts rückten ihre medizinischen Eigenschaften verstärkt in den Fokus der Forschung.
Inhaltsstoffe der Gemeinen Nachtkerze
Einen entscheidenden Wendepunkt markierte die Isolierung des Nachtkerzenöls aus den Samen und die Entdeckung seines hohen Gehalts an Gamma-Linolensäure. Damit wurde die Nachtkerze von einer traditionellen Heilpflanze zu einem ernstzunehmenden Gegenstand moderner pharmakologischer Forschung.
Das Öl der Nachtkerzensamen wird durch Kaltpressung gewonnen, das zu etwa 70 bis 75 Prozent aus Linolsäure (Omega-6-Fettsäure) und zu rund acht bis 14 Prozent aus Gamma-Linolensäure (GLA) besteht. Gamma-Linolensäure ist im menschlichen Stoffwechsel ein wichtiger Vorläufer entzündungshemmender Prostaglandine.
Die Pflanze enthält des Weiteren:
- Flavonoide mit antioxidativen Eigenschaften
- Gerbstoffe, die adstringierend wirken und die Haut schützen und unterstützen
- Phytosterole, die entzündungshemmende Effekte zeigen
- Vitamin E als zellschützendes Antioxidans.
Diese Kombination erklärt die vielseitigen Wirkungen der Nachtkerze, insbesondere im Bereich von Haut, Entzündungsgeschehen und hormoneller Regulation.
Omega-6-Fettsäuren haben teilweise einen sehr schlechten Ruf, da sie als entzündungsfördernd gelten und verschiedene Krankheiten fördern. Die Tücke steckt hier, wie so oft, im Detail. Denn auch hier gibt es verscheide Untergruppen. Vor allem tierische Fette gelten als „schlechte“ Omega-6-Fettsäuren und können in der Tat Entzündungen fördern und bei übermäßigem Verzehr das Risiko für Stoffwechsel- und Herz-Kreislauf-Erkrankungen erhöhen. Auch das immer mal in der Kritik stehende Sonnenblumenöl zählt dazu.
Die „guten“ Omega-6-Fettsäuren von der Nachtkerze, aber auch dem Lein- und Olivenöl werden im Körper anders verstoffwechselt und unterstützen die entzündungshemmenden Prozesse.
Wirkungen der Gemeinen Nachtkerze
Die wissenschaftlich am besten untersuchten Wirkungen der Nachtkerze beziehen sich auf das Nachtkerzenöl. Mehrere klinische Studien und Metaanalysen zeigen, dass Gamma-Linolensäure vor allem bei Neurodermitis eine bedeutende Unterstützung sein kann. Betroffene weisen häufig einen Mangel an Gamma-Linolensäure auf, was die Hautbarriere schwächt und Entzündungen begünstigt. Die regelmäßige Einnahme von Nachtkerzenöl über mehrere Wochen führt zu einer Reduktion von Juckreiz, Hauttrockenheit und Entzündungszeichen.
Hier ist nicht nur die Einnahme des reinen Öls oder in Form von Kapseln hilfreich. Schnellere Ergebnisse bei akuten Beschwerden erzielt man mit dem Auftragen des Öls oder Zubereitungen auf die betroffenen Stellen. Die schon erwähnte gestörte Hautbarriere kommt durch eine mangelhafte Bildung der Hautzellen von „Schutzfetten“ zustande. Die Gamma-Linolensäure wird von außen aufgenommen und kann direkt in die Hautzellen eingebaut werden, sodass eine Linderung schon nach wenigen Stunden bis Tagen eintritt.
Auch bei zyklusabhängigen Beschwerden findet Nachtkerzenöl Anwendung. Klinische Untersuchungen belegen eine lindernde Wirkung bei Brustschmerzen sowie beim prämenstruellem Syndrom (PMS). Vermutet wird ein regulierender Einfluss auf die Prostaglandinsynthese und damit auf hormonell bedingte Entzündungs- und Schmerzprozesse genommen.
Weitere diskutierte Anwendungsgebiete sind:
- die Unterstützung der Hautbarriere bei trockener und empfindlicher Haut
- begleitende Therapie bei rheumatischen Beschwerden
- positive Effekte auf den Fettstoffwechsel
- Allergien, da es immunologische Prozesse moduliert.
Nachtkerzensirup bei Atemwegsinfektionen
Zutaten:
- 2 Handvoll frisch erblühte Blüten der Gemeinen Nachtkerze (am Mittag oder Nachmittag sammeln und gleich verarbeiten)
- 250 Milliliter Wasser
- 250 Gramm brauner Zucker
Zubereitung:
- Die Blüten ins Wasser geben ‒ bis zum Sieden erhitzen, aber nicht kochen lassen.
- Herd abstellen und 15 Minuten ziehen lassen.
- In der Zwischenzeit aus 250 Gramm braunem Zucker und 250 Milliliter Wasser einen dicken Sirup kochen (Achtung: nicht anbrennen lassen ‒ wir wollen kein Karamell).
- Dann beide Flüssigkeiten mischen und in Flaschen abfüllen.
Anwendung und Haltbarkeit:
Der Nachtkerzensirup ist im Kühlschrank sechs Monate haltbar. Nehmen Sie mehrmals täglich einen Teelöffel ein.
Fazit
Die Gemeine Nachtkerze vereint auf eindrucksvolle Weise traditionelles Heilpflanzenwissen mit moderner wissenschaftlicher Erkenntnis. Als Heilpflanze des Jahres 2026 steht sie sinnbildlich für die Bedeutung pflanzlicher Fettsäuren in der Regulation von Entzündungen, Hautgesundheit und hormonellen Prozessen. Ihre gute Verträglichkeit, die solide Studienlage und ihre vielseitige Anwendbarkeit machen sie zu einer wertvollen Begleiterin sowohl in der Naturheilkunde als auch in der evidenzbasierten Medizin.
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Dieser Beitrag wurde von Kristin Metz, Tutorin der Online-Ausbildung Phytotherapie, verfasst.
