Schlafmohn – Die Giftpflanze des Jahres 2021

Schlafmohn – Die Giftpflanze des Jahres 2021

Schlafmohn – Die Giftpflanze des Jahres 2021

Die blühende Femme fatale

Als Angehöriger der Mohngewächse hat der Schlafmohn quasi seine eigene Familie. Interessant ist, dass bis heute nicht genau klar ist, wo er eigentlich herkommt. Am wahrscheinlichsten, nach aktuellem Stand, ist der Mittelmeerraum. Dass er in Mitteleuropa eine lange Tradition hat und bereits als Kulturpflanze angebaut wurde, zeigen über 5000 Jahre alte Funde. Sogar Rezepturen der Ägypter konnten bis um 1800 v. Chr. zurückverfolgt werden.

Schlafmohn enthält die wichtigsten narkotisierenden Stoffe der Pflanzenwelt. Morphin und Codein sind die zwei bedeutendsten von ca. 100 Alkaloiden. Man kommt an diese Stoffe, wenn man die noch grüne und unreife Kapsel anritzt. Der austretende Milchsaft ist in getrockneter Form der Wirkstoffkomplex Opium. Aus diesem „Rohopium“ kann Morphium gewonnen werden. Daraus kann wiederum die Droge Heroin hergestellt werden. Aus diesem Grund steht der Schlafmohn nicht mehr in der Blüte seines Rufes.

Das Potential als Suchtstoff stand nicht immer so im Vordergrund wie heutzutage. In Zeiten, wo Narkosen noch ein Fremdwort waren, ist Opium ein geschätzter Wirkstoff gewesen, bei Operationen sowie schweren Verletzungen. Es ist ein noch heute genutztes Schmerzmittel, wenn auch in abgewandelter Form.

Paracelsus war einer der ersten Ärzte, die Opium verwendeten. Bis Anfang des 20. Jh. war es weder eine Straftat, es zu verwenden, noch gab es Beschränkungen in der Dosis. Es war frei in Apotheken erhältlich. Der guten Gesellschaft der damaligen Zeit war es als zuverlässiges Schlafmittel bekannt.

In der richtigen Dosierung wurde bewusst ein rauschähnlicher Zustand bewirkt, der u.a. als Aphrodisiakum auch besondere Erlebnisse in der Zweisamkeit hervorrief. Obwohl es nicht immer nur bei zweien geblieben sein soll. Einer der bekanntesten Nutzer und Genießer war die von Sir Arthur Conan Doyle geschaffene Romanfigur Sherlock Holmes.

Ein Multitalent auf der Abschussliste

Die Suchtwirkung beim „Rohopium“ ist tatsächlich fraglich und bis heute nicht ganz bestätigt. Allerdings wurden im 20 Jh. vermehrt Opioide synthetisiert bzw. war man auch in der Lage, einzelne Stoffe herauszufiltern. Diese sogenannten Monosubstanzen haben einen viel intensiveren Einfluss auf den Körper und können nachweislich zur Sucht führen. Deshalb wurden sowohl in der Verwendung der einzelnen Inhaltsstoffe als auch der Pflanze selbst, viele Einschränkungen auf den Weg gebracht. Heutzutage fällt es unter das Betäubungsmittelgesetz und wird streng kontrolliert.

Die Kontrollinstanz, die den Verkehr von Betäubungsmitteln in Deutschland regelt und überwacht verdankt dem Schlafmohn seinen Namen. Sie heißt Bundesopiumstelle.

Die klassische Opiumtinktur wird noch heute unverändert bei krampfartigen Beschwerden in Verbindung mit Durchfall vom Arzt verordnet. Allerdings nur, wenn andere Mittel nicht vertragen werden bzw. die Behandlung der Ursache als solches keine klassische schulmedizinische Alternative bietet. Früher fand es standardmäßig Einsatz bei Cholera, einer infektiösen Durchfallerkrankung, bei der die Betroffenen im Extremfall bis zu 20 Liter Wasser über den Stuhl verlieren können.

In der Schmerztherapie werden aufgrund der besseren Dosierbarkeit nur noch synthetische Morphine genutzt. Am gängigsten sind derzeit Schmerzpflaster, die Ihren Wirkstoff kontinuierlich über die Haut abgeben oder feste Arzneiformen, die das Gleiche über den Magen-Darm-Trakt tun.

Der Inhaltsstoff Codein ist durch seine hustenstillende Wirkung bekannt geworden. Eine chemische Abwandlung wurde sogar Kindern ab 6 Monaten verordnet. Da hat sich die Rechtslage in den letzten Jahren geändert, sodass er jetzt erst ab einem Alter von 2 Jahren verordnet werden darf. In diesem Fall durchaus zu begrüßen. Zumal Codein die Ursache des Hustens nicht nimmt. Die Pflanzenwelt bietet uns gerade bei Atemwegsinfektionen bessere und vor allem verträglichere Varianten für die zarten Wesen unserer Spezies.

Bis vor einigen Jahren war das enthaltene Papaverin ein zuverlässiger Begleiter bei krampfartigen Magen-Darm-Beschwerden. Es musste seinen chemischen Kollegen weichen. Für Ärzte ist es noch zur Notfallbehandlung in Form von Ampullen zur Injektion erhältlich.

Fallen Mohnschnecken unter das Betäubungsmittelgesetz?

Das ist gar keine so außergewöhnliche Frage, denn aufgrund der zunehmenden Bedeutung als Suchtmittel in den letzten Jahrzehnten, ist der Anbau genehmigungspflichtig geworden. Bis zur Wiedervereinigung der BRD und DDR war der erwerbsmäßige Mohnanbau weit verbreitet. Selbst der Anbau im eigenen Garten braucht eine Genehmigung. Der Mohn, den wir so gern am Feldesrand sehen, ist der Klatschmohn. Er ist auch eine giftige Pflanze, unterscheidet sich allerdings stark in den Inhaltsstoffen zum Schlafmohn.

Mohnsamen haben einen durchaus beachtlichen Nährwert. Sie enthalten einen hohen Anteil an ungesättigten Fettsäuren. Des Weiteren gehören sie zu den calciumreichsten Lebensmitteln und sie enthalten viele B-Vitaminen. Bei den mohnhaltigen Gebäckstücken scheiden sich in den Geschmäckern allerdings die Geister. Aber dann bleibt mehr für die Mohnliebhaber. Wir Deutschen importieren ihn allerdings, da sich ein Anbau rechtlich und finanziell durch die Gesetzgebung nicht mehr lohnt.

Der Gehalt an Alkaloiden ist im Vergleich zum Milchsaft allerdings viel zu gering, um eine Rauschwirkung zu erzielen. Durch Erntefehler kann es vorkommen, dass unreife Kapseln und ihr Milchsaft die Saat kontaminieren. Aus diesem Grund versucht man den Gehalt industriell zu verringern z.B. durch Reinigung der Samen.

Der Mythos, dass nach einem Verzehr von mohnhaltigen Lebensmitteln Drogentests anschlagen, ist tatsächlich wahr. Es kommt hier stark auf die verzehrte Menge an. Aber ein Test kann nicht unterscheiden, wo die Alkaloide herkommen und hinzukommt, dass diese Tests eine sehr hohe Sensibilität aufweisen. Also auch kleine Spuren können durchaus wahrgenommen werden.

Wir reden hier allerdings von Urintests. Durch Blutuntersuchungen würde man auch anhand der Konzentration feststellen, dass es sich nur um einen Mohnkonsumenten handelt.

Allerdings verzichtet man aufgrund dieser Tatsache in Gefängnissen und Krankenhäusern auf mohnhaltige Speisen.

Ist die Krönung zur „Giftpflanze des Jahres“ gerechtfertigt?

Aus meiner Sicht schon. Denn auch der reine Verzehr der Mohnpflanze kann lebensbedrohlich enden. Und genau das macht eine Giftpflanze aus.

Aber wir alle wissen, die Dosis macht das Gift. Demzufolge ist sie auch eine ernstzunehmende Heilpflanze. Sie mag ihren Höhepunkt hinter sich haben, da ihr einst guter Ruf, dem Ruf einer Wohlstandsdroge gewichen ist.

Aber wer sagt, dass nicht auch der Mohn früher oder später eine Renaissance erlebt und sein tausende Jahre langes Bestehen wieder zurückgewinnt?

 

 

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Dieser Beitrag wurde von Kristin Metz, Tutorin der Online-Ausbildung Phytotherapie, verfasst.

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